Sonntag, 30. Dezember 2012

Symptomatisch

Es sind die
klassischen Symptome
einer Depression:
Die fehlende Weite der Gedanken
das Verharren in meiner kleinen
abgesicherten Welt
und die Angst
mich rechtfertigen
und erklären zu müssen.
Es ist die Ohnmacht
der eigenen Erkenntnis
die Unfähigkeit
gegen die eigene
kranke Gedankenwelt
mich zur Wehr setzen zu können
die mich zynisch
weltabgewandt
zum Wächter
meines selbsterbauten
Gefängnisses
haben werden lassen
mich immer wieder
anderen entfremdet haben
aus Scheu vor alten Verletzungen
altbekannter Enttäuschung und
immer wieder
durchlebter Zurückweisung.
Hilfreiche Hände
werden zurückgeschlagen
gekränkt beleidigt
und doch herbeigesehnt
mit Angst vor Entblößung
vor Schutzlosigkeit
denn die eigene kleine Welt
bietet in ihrer Beschränkung
noch immer
die größte Sicherheit.

Mittwoch, 26. Dezember 2012

Aufschrei

Depressionen lähmen die Seele
und ohne Ergebnis
stauen sich
Bewegung
Freude
Wut
der Wunsch nach Veränderung
zu einem schmerzenden
glühenden Knoten
des Behindertseins
des Nicht-so-könnens
des Verzweifelns
des Entmutigtseins.
Immer wieder
von Vorne beginnen
die spärlichen Kräfte sammeln
neu aufraffen
qualvoll versuchen
mich nicht endgültig
besiegen zu lassen
nicht in der
aufgezwungenen Einsamkeit
elendig zu krepieren
das Scheitern
der eigenen Existenz
kampflos hinzunehmen
und dabei stumm
und markerschütternd
zu schreien...
Vergebens
nach Befreiung zu suchen
ohne zu wissen
ob sie tatsächlich
exsistiert
nicht zu wissen
ob der nächste Moment
der nächste Tag
nicht doch wieder
einen Funken trügerischer Hoffnung
in sich birgt
zum Greifen nah
und doch
unerreichbar...
Kein Leben
sondern vegitieren
oder in guten Momenten
existieren
und weit entfernt
von Ausgleich
oder Gleichgewicht-
Wohin führt mich
dieser Weg
und wenn es
einen Gott gäbe
welch perversen
und kranken Humor
offenbart er
mit diesem Leben?

Sonntag, 23. Dezember 2012

Weihnachtsgedanken

Dies ist das erste Weihnachtsfest ohne meinen Vater. In den letzten Jahren bin ich regelmäßig an einem der Feiertage bei meinen Eltern gewesen - mit dem Bewusstsein, es könnte das letzte Mal sein, sie beide zu sehen. Und jetzt, wo es so gekommen ist, fällt es schwer, damit umzugehen.
Ich versuche, mich an die schönen Momente zu erinnern, die ich mit ihm erlebt habe: Da waren die gemeinsamen adventlichen Ausflüge ins Sauerland, um selber einen Weihnachtsbaum zu fällen und die unbeschwerten Gespräche zwischen Vater und Sohn, während wir-bewaffnet mit Säge und Beil- durch die tief verschneite Schonung stapften, auf der Suche nach dem perfekten Baum. Da war das gemeinsame Aufstellen und Schmücken des Baumes am Heiligabend- Morgen, das uns beiden vorbehalten war und die von Vorfreude und Erwartung gewürzte Stimmung während dieser schon fast rituellen Handlungen. Und später waren es dann seine seltenen, freudig bewegten Umarmungen an Weihnachten, wenn ich zu Besuch kam.
Das alles ist jetzt Vergangenheit und so wird mir bewusst, wie kostbar diese Erinnerungen sind und wie sehr mir dieses spezielle Weihnachtsgefühl in meinem Leben fehlt. Mit dem Fest selber kann ich schon lange nichts mehr anfangen. Mir fehlt der innere Bezug zu diesen absonderlichen christlichen Mythen, und die damit verbundene Heuchelei widert mich schon lange an. Aber diese besonderen Momente waren immer mein spezielles Weihnachtsgefühl, das einfach dazu gehörte: warm und vertraut und ein kleines Bisschen sentimental.
Dies ist das erste Weihnachtsfest ohne meinen Vater und ohne ihn findet es für mich nicht statt.


Samstag, 22. Dezember 2012

Fragen an mein Leben

Bin ich
zu fokussiert auf
mein eigenes
beschränktes Leben
seine Stolperfallen
Unwägbarkeiten?
Habe ich
den Blick verloren
für den unfassbar großen Kosmos
des menschlichen Miteinander
so verwirrend
unberechenbar
mich darin verloren fühlend?
Bin ich zu eigen
zu sehr in mich versponnen
dass mein Leben
stillzustehen scheint
während
das große Rad
da draußen
sich zu einem
schwindelig machenden Crescendo steigert
bei dem ich
keinen Halt mehr finde?
Bin ich tatsächlich
ohne es zu merken
der alte und einsame
graue Wolf geworden
der ich nie sein wollte und
vor dem ich mich
immer gefürchtet habe?
Und ich habe nur Fragen
aber keine Antworten...

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Für S.

Zeit
einfach mal
Danke zu sagen
für eine Freundschaft
ohne Erwartungen
die lebendig ist
ohne Turbulenzen
die Verlässlichkeit schenkt
ohne Routine
die Freiraum vom Alltag schafft
Sicherheit im Miteinander
mich Vertrauen lehrt
Nähe ohne Angst
über Jahre
tatsächlich gewachsen ist
ohne Zwang
einfach da ist
mit liebevollen Gesten
und Zuneigung
und ohne die
mein Leben nicht
so reich wäre
an schönen Momenten
unverhoffter Leichtigkeit
freudloser wäre
und mich oft
in meiner Trübsal
und einsamer zurückliesse
die manchmal gänzlich unverhofft
einen Lichtstrahl
in mein alltägliches Einerlei bringt
und mich unwillkürlich
lächeln lässt...

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Rückblick, Ausblick...Durchblick?

Jedes Jahr um die Weihnachtszeit flimmern so ungezählte wie unselige Jahresrück- und Vorblicke über die Bildschirme der Nation und fühlt sich die Elite des Feuilleton berufen, Ähnliches sorgfältig gesetzt in Umlauf zu bringen. Doch einmal abgesehen von dem Umlauf und der Befriedigung persönlicher Eitelkeiten- was bringt es, sich mehr oder minder analytisch und/oder geistreich mit dem (noch nicht) vergangenen Jahr auseinanderzusetzen und vielleicht sogar eine vermessene Prognose für das Kommende zu wagen?

Man verzeihe mir meinen Zynismus, aber abgesehen von spitzfindigen politischen Prognosen und einer mehr oder minder ausführlichen und subjektiven Zusammenschau der Ereignisse, ist das Ganze nichts anderes als intellektuelle Kaffeesatzleserei ohne weiteren Nutzen.

Wenn Menschen zum Jahresende ein persönliches Resümee ziehen und sich Gedanken über mögliche Konsequenzen für das kommende Jahr machen, dann ist das ein Akt der Besinnung und Reflexion, der ihnen vielleicht hilft, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und sich zukünftig mehr auf das Wesentliche fokussieren zu können. Das ist hilfreich und sinnvoll, solange man sich nicht durch zu viele "gute Vorsätze" gleich wieder Betonschuhe anzieht.

So ist dieser Text auch eine Art Jahresresümee und Ausblick- ohne den elitären Anspruch auf omnipotentes Wissen, sondern eher in dem sicheren Bewusstsein, verdammt subjektiv zu sein.


Dienstag, 18. Dezember 2012

Kakophonie

Manchmal
möchte ich sie
einfach nur
zum Schweigen bringen:
Den unerträglichen Lärm
in meinem Kopf
die Kakophonie der Gefühle.
Ich sehne mich
nach Ruhe
friedvoller Stille
möchte
zur Ruhe kommen
mein Zentrum finden
und nicht länger fragen
wer bin ich?
Manchmal
ist der Druck
einfach zu groß
lässt mich zweifeln
ver-zweifeln
fühle mich
zerrissen
nicht im Gleichgewicht
meiner Kräfte
könnte heulen
schreien
die Welt verfluchen
und schäme mich
meiner Unvollkommenheit
Unsicherheit
Freudlosigkeit.
Möchte ausbrechen
ohne zu wissen
wohin?
Nur um
im nächsten Moment
die kleinen
unauffälligen Augenblicke
mit ganzer Seele
entspannt
zu genießen.

Sonntag, 16. Dezember 2012

Authentizität

"Ehrlich währt am Längsten!" war einer dieser unerträglichen Sprüche in meiner Kindheit. Besonders gerne vorgebracht von meiner Mutter, wenn sie mich bei einer meiner zahlreichen Lügen ertappt hatte. Ich war jedes Mal peinlich berührt, hatte ein schlechtes Gewissen und schämte mich sehr, weil ich wieder einmal mit meiner unzureichenden Wahrheitsliebe und meinem unzuverlässigen, "labilen" Charakter konfrontiert worden war. Jeder dieser ungezählten Zusammenstöße hinterließ neues Narbengewebe auf meiner Seele und verfestigte mein Selbstbild als labiler und nicht liebenswerter Heranwachsender.
Wenn Kinder die Unwahrheit sagen, hat das immer einen guten Grund. Es ist ihre Reaktion auf fehlendes Vertrauen in sich und ihre unzureichende Umwelt, die mit Ignoranz, Desinteresse, oder mit stiller Verachtung auf ihre individuellen Bedürfnisse und ihre Persönlichkeit reagiert. Sie haben Angst, ihr "wahres Ich" zu zeigen, weil sie auf oft schmerzliche Weise lernen mussten, dass ihre sich allmählich entwickelnde Persönlichkeit zu unbequem und zu anstrengend ist, und das die Wahrheit nicht belohnt, sondern bestraft wird. Auch spüren sie instinktiv, dass ihre so dringend benötigten und wichtigen Vorbilder in Wahrheit auf ähnliche Weise miteinander umgehen und spiegeln unbewusst deren Verhalten wider. Diese zutiefst traumatischen Erfahrungen verfestigen sich und verletzen mit weitreichenden Folgen die Seele des Heranwachsenden.
Seit vielen Jahren beschäftigt mich die Frage, was mich als Persönlichkeit eigentlich ausmacht und wo meine individuellen Stärken und Fähigkeiten liegen. Und immer wieder, schon fast zwanghaft, konfrontiere ich mich mit meiner ursprünglichen erlernten Verlogenheit. Sie erschwert es mir, einen ungetrübten und unvoreingenommenen Blick auf mich selber zu werfen und meinen Part, mein Profil im menschlichen Miteinander zu erkennen. Immer wieder stelle ich mir die Frage: ist mein Verhalten, mein Tun authentisch, bin das tatsächlich ich in meiner ureigensten Form, oder spiele ich meinen Mitmenschen nur das vor, was ich glaube, das sie in mir sehen wollen? Ich glaube, so ganz sicher werde ich mir da, von ganz wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, nie sein können...





Samstag, 15. Dezember 2012

Warum ich schreibe

Der Satz: "Ich hatte eine schlimme Kindheit!" klingt erst einmal nach Klischee und vorauseilender Entschuldigung für jedes mögliche Fehlverhalten. Viele Straftäter berufen sich auf diese Entschuldigung, in der Hoffnung, aus Mitleid ein milderes Urteil für ihre Taten zu bekommen.
Aber leider ist es eine Tatsache, dass aus Opfern von elterlichem Missbrauch oft Täter werden, die das Erlebte auf grausame und oft perverse Weise mit eigenen Taten zu kompensieren oder zu verarbeiten suchen.
Missbrauch umfasst ein breites Spektrum und bedeutet nicht automatisch körperliche oder sexuelle Misshandlung, sondern kann sich auch in manipulativem, unberechenbarem oder gleichgültigem Verhalten dem eigenen Kind gegenüber manifestieren, was dann im weitesten Sinn als seelische Misshandlung gelten kann.
Ich glaube, viele Eltern sind sich oft der Tragweite ihres Handelns und der Auswirkungen auf ihr Kind überhaupt nicht bewusst und agieren dementsprechend unüberlegt und unreflektiert. Dabei können Gleichgültigkeit, Manipulation und Unberechenbarkeit tiefe Wunden hinterlassen, die das Sozialverhalten und die seelische Entwicklung von Kindern über Jahrzehnte empfindlich beeinträchtigen und nachhaltig stören.
Die menschliche Seele neigt dazu, unangenehme und verstörende Erlebnisse zu verdrängen und unbewusst zu versuchen, die entstandenen Defizite auf oft schräge und unkonventionelle Art auszugleichen und aufzufangen. Im schlimmsten Fall führt dies zu relevanten psychiatrischen Diagnosen und der damit verbundenen Unfähigkeit, sich im Leben zurecht zu finden.
Mir selber ist beim Betrachten meiner Biografie immer wieder schmerzlich bewusst geworden, dass mein ursprüngliches Scheitern und nicht Zurechtfinden- Können im Leben auf genau diesen Ursachen gründet und ich trotz eines gut funktionierenden Verstandes mir selber beim Scheitern nur hilflos zuschauen konnte. Diese unerträgliche Hilflosigkeit und die oft kafkaesk anmutenden Situationen, in die ich zu häufig hineingeraten bin, haben in mir ein großes Wut-Reservoir entstehen lassen, mit dem verantwortungsvoll umzugehen mir bis zum heutigen Tag unsagbar schwerfällt.
Manchmal habe ich das verstörende Gefühl, eine tickende Zeitbombe zu sein, die beim kleinsten Anlass ohne Vorwarnung hochgehen kann und alles im näheren Umkreis gnadenlos zerstört. "Macht kaputt, was euch kaputt macht!", heißt es in einem Lied von Rio Reiser und der Gedanke, genau so zu handeln, ist schon sehr verlockend.
Aber etwas hält mich davon ab, diesem unbändigen Verlangen nachzugeben: Ich sehe mich in der Verantwortung, nicht länger selber zum Täter zu werden, sondern mit dem Erlebten konstruktiv und reif umzugehen. Das mag sich im ersten Moment banal und vielleicht auch konstruiert anhören, aber tatsächlich war es ein langer und kräftezehrender Prozess, Verantwortung und ethisches Denken und Handeln zu lernen und zu erkennen, dass ich als denkender Mensch tatsächlich die Wahl habe, mich für oder gegen etwas zu entscheiden und nicht länger ein Gefangener meiner Instinkte und Impulse sein muss. Und darum schreibe ich!


Freitag, 14. Dezember 2012

Wut

Es macht mich
sprachlos- wütend
wenn selbstverliebte
unreflektierte
selbsternannte Besser-Menschen
mit ihren
maßlos hohen
moralischen Zielen
Anderen
die Hölle auf Erden bereiten
sie zu zwingen versuchen
diesen moralischen Durchfall
zum eigenen Leitbild zu machen
sich dem Druck zu beugen
oder als Ausgestoßene zu leben
während sie selber
in ihrem Naturschutzpark
der persönlichen Verblendung
bei dem Versuch
sich selber gerecht zu werden
kläglich
immer wieder aufs Neue
glanzvoll
auf die Schnauze fliegen
und dennoch
der festen
unangreifbaren
Überzeugung sind
alleine durch ihr Dasein
das Leben an sich
zu adeln!

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Gespräch?

Wenn
Gespräche sprachlos machen...
Mit Unausgesprochenem
Bücher gefüllt werden könnten...
Schweigen Bände spricht...
Gedanken sich verheddern
um nicht das Falsche zu sagen...
Es einem den Atem verschlägt
bei dem Gedanken
das Gespräch zu suchen und
es nicht zu finden...
Menschen aneinander vorbeireden
ohne sich in der Mitte treffen zu können...
Das Ungesagte mehr bedeutet
als das Gesagte...
Aus Miteinander
Gegeneinander wird...
Und Vertrauen
durch Angst ersetzt wird...
Ist das dann
eine Nicht-Beziehung?
Ein Un-Gespräch?
Eine kommunikative Fehlgeburt?
Ein doppelt fehlgeleiteter Monolog?
Ich
weiß es nicht...

Sonntag, 9. Dezember 2012

Ein Abschied

Manchmal müssen wir
Abschied nehmen
nicht von Menschen
sondern von
Träumen
Sehnsüchten
Hoffnungen.

Und ich weiß nicht
was mehr schmerzt
denn aus Träumen
Sehnsüchten
Hoffnungen
erschaffen wir
mit Begeisterung
unser Leben
unsere Ziele.

Sie machen
unser Leben
lebenswert
und der Abschied von ihnen
ist jedesmal
ein kleiner Tod
ein Funken weniger.

Ein ungeschriebener Brief an meine Mutter

Du bist
alt geworden
grau
verbittert
einsam
deine Mundwinkel
weit nach unten.

Du hast
dein Leben
selber gewählt
und musst dich
mit den Folgen
zurechtfinden.

Das Leben
hat dich
ein Lebenlang
nur enttäuscht
nie warst du
zufrieden
hast Anderen
ihre Zufriedenheit
nie gegönnt.

Warst immer Opfer
nie Täter
das ist bequem
und einfach
aber nicht ehrlich.

Wie soll ich dir
mit Achtung
mit Liebe begegnen
wenn du dich
zum Mittelpunkt
deines eigenen
kleinen Universums erklärst
zu dem niemand
Zutritt hat?

Du beklagst dich
andere Menschen
seien selbstbezogen
unpersönlich
dabei müsstest du nur
in den Spiegel schauen
um zu sehen
wer gemeint ist.

Sollen Andere
für dein Unvermögen büßen?
Ich jedenfalls
tue das nicht länger
auch wenn es
immer wieder
schwerfällt
wehtut.

Ich ertrage
deine Lebenslüge nicht mehr
bin angewidert
traurig
enttäuscht.
bemühe mich
um die Konsequenz
die du nie
aufgebracht hast.

Mein Leben ist
von deinem gezeichnet
im Guten
wie im Schlechten
aber ich ziehe es vor
meine eigenen Spuren
zu hinterlassen.






Samstag, 8. Dezember 2012

Nostalgie

Zugegeben, ich bin ein Nostalgiker und zugegeben, ich bin es gerne! Beim Betrachten alter Fotos, beim Schwelgen in Erinnerungen, oder beim Hören von Musik aus meiner Jugendzeit, kommen überwiegend schöne Erinnerungen an die Oberfläche, verklärt durch eine leicht süßlich und naive Betrachtungsweise. Auch mir ist der Satz: "Früher war alles Besser!" sehr geläufig, auch wenn er nur sehr begrenzt meine Zustimmung findet.
Nostalgie ist eine schöne Sache. Sie bietet Vertrautes, blendet Unangenehmes aus und schafft so eine trügerische Sicherheit. Denn was gibt es Schöneres, als mit alten Freunden bei dem einen oder anderen Bier zusammenzusitzen und gemeinsame Erinnerungen hervorzukramen, anstatt sich einer kontroversen Diskussion über Politisches oder divergierende Weltanschauungen auszusetzen?
Nostalgie schafft Harmonie, doch in letzter Zeit ist diese Harmonie empfindlich getrübt und verwandelt sich allmählich in brennende Wut: Mitte der Neunzigerjahre, in einer Phase der Orientierungslosigkeit, hatte ich mich in ein anthroposophisches Studienseminar begeben, um dort meine Möglichkeiten und mein Schicksal auszuloten. Mit großer Naivität und ohne die Fähigkeit der Selbstreflexion  hatte ich dort meine bisherige Biografie ungeschönt ausgebreitet, in der Hoffnung, die erfahrenen und esoterisch geschulten Seminarleiter würden mir so helfen können, meinen Weg zu finden.
Was dann geschah, macht jedem Kafkaroman alle Ehre: Innerhalb weniger Wochen wurden aus dem Büro des Seminars mehrfach mehrere Tausend D-Mark entwendet. Und Eines war ohne jeden Zweifel klar: Wegen meiner Vorgeschichte war ich der einzige Verdächtige und natürlich auch der Schuldige, denn schließlich hatte die Seminarleitung dies "Übersinnlich wahrgenommen"! Alle meine Unschuldsbeteuerungen nutzen nichts, ich wurde unter Druck gesetzt und solange manipuliert, bis ich selber davon überzeugt war, die Einbrüche in einem extremen psychischen Ausnahmezustand begangen zu haben, ohne es selber zu merken.
Vielleicht sollte ich den Menschen dort im Rückblick sogar dankbar sein für diese traumatische Erfahrung, denn schließlich waren diese Erlebnisse der Auslöser für meinen ersten Aufenthalt in der Psychiatrie und die Erkenntnis, dass irgendetwas mit mir nicht stimmte. Auch halfen mir diese Erfahrungen dabei, Esoterik und Anthroposophie als das zu entlarven was sie im tiefsten Inneren sind: Gefährliche und menschenverachtende Ideologie.
In den vergangenen Jahren hatte sich auch bei diesem Thema nach und nach ein dichter Schleier von Nostalgie ausgebreitet, der meine Erlebnisse und die damit verbundenen Gefühle in ein milderes Licht getaucht hat. Bis ich vor einigen Wochen zufällig auf den Internetauftritt des inzwischen umbenannten Seminars gestoßen bin und auf Fotos das selbstgefällige Grinsen und Gehabe Einiger auch damals Verantwortlicher sehen durfte. Durch weitere Recherche erfuhr ich, dass es seit den Neunzigerjahren etliche Menschen gab, die zum finanziellen und emotionalen Opfer dieser Institution gemacht worden und derselben wütenden Hilflosigkeit ausgesetzt waren, wie ich. Also war ich keine Ausnahme, sondern ebenfalls Opfer eines perfiden Systems von Ausbeutung und Ausgrenzung. Und mit dieser Erkenntnis wuchs die Wut über meine mild-gestimmte Erinnerung.
Nostalgie ist eben immer eine Gratwanderung zwischen möglicherweise gefährlicher Verharmlosung und angespannten, verkrampften Zweifeln am eigenen Bild der Vergangenheit.



Donnerstag, 6. Dezember 2012

Vorurteile

Viele Menschen
halten Vorurteile
für eine unverzichtbare
Barriere gegen jede
Äußerung von
Individualität.

Sie glauben
man müsse sich schützen
vor dem Anderen
Unangepassten
weil es Angst macht
nicht zu verstehen ist
nicht ins Bild passt.

Menschen
die anders sind
sind dumm
können nicht
für Voll genommen werden
sollen verschwinden.

Bei den Nazis
hieß das
Euthanasie
Lebensunwertes Leben.
Heute
nennen wir das
höflich und angepasst
einfach nur
Ausgrenzung!

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Lyrik ist...

Lyrik ist immer
ein Ringen um Worte
um die eigene Sprache
und das eigene Verstehen.

Denn Gedichte
umhüllen
einen eigenen Kosmos
aus Sprache
tiefstem Gefühl
und absoluter Ehrlichkeit.

Gedichte lügen nicht
sie sind Essenz der Wahrheit
und der Wahrheit verpflichtet.

Mit wenigen
komprimierten Worten
erschaffen sie Welten
reißen und heilen sie Wunden
fügen Vergangenheit
und Gegenwart
in Eins zusammen
schlagen Brücken
des Verstehens.

Mit wenigen Worten
eine Reise um die Welt
Eintauchen
in die reinste Form
der Sprache.

Vollendung?

Montag, 3. Dezember 2012

Alle Jahre wieder...

... pöbeln, schubsen und drängeln besoffene Egoisten auf den Weihnachtsmärkten...

... fallen Gefühlslegastheniker wie die Lemminge in die Kaufhäuser und Innenstädte ein, um ihre "weihnachtliche" Konsumgeilheit zu befriedigen...

... gaukelt uns die Werbung eine stimmungsvolle und friedliche Adventszeit vor...

... entdecken die Kirchen ihr Gewissen und ihre soziale Verantwortung...

...verbreitet der die das Merkel ihren unerträglich verlogenen Unsinn in der Weihnachtsansprache...

... während zig Tausend Menschen in Deutschland am Hungertuch nagen...

... Minderheiten beleidigt, ausgegrenzt und diskriminiert werden...

...  Menschen tagtäglich der Willkür von Behörden ausgesetzt sind...

... Menschen an Einsamkeit und Isolation innerlich elend krepieren...

... die Gewalt in Familien während der Advents- und Weihnachtszeit zunehmend eskaliert...

Frohe Weihnachten und Friede auf Erden? Am Arsch!

Donnerstag, 29. November 2012

Leere Angst

Dunkelheit
leere, hallende Räume-
eine Staubschicht
die alles Umgebende dämpft.

Nur ein Augenblick
und du fühlst dich
darin gefangen-
in der scheinbaren Weite
dieser Räume
bedrängt von der Dunkelheit.

Denn da sind keine Türen
da ist kein Licht
nur Beklemmung
und du atmest Angst.

In dir nur

beklemmende Enge
keine Freiheit
keine Hoffnung
kein Gefühl.

Manchmal
nimmt dein Leben
diese Gestalt an...

Dienstag, 27. November 2012

Der Fall Gustl Mollath- Wie unabhängig sind Justiz und Psychiatrie?

In den frühen Neunzehnhundertachtzigerjahren war an der Hauswand des Dortmunder Amtsgerichts folgender Spruch zu lesen:

"Deutsche Richter üben fleißig
für ein neues Dreiunddreißig!"

Was damals sicherlich als naiv-linker Spontispruch gemeint war, erhält leider in den letzten Wochen eine traurige und zornig-machende Realität: Zunehmend mehren sich die Anzeichen, dass der bayrische Bürger Gustl Molath zu unrecht seit nunmehr sechs Jahren in der Psychiatrie sitzt.
Hintergrund dieses Skandals sind Äußerungen Molaths, dass seine Exfrau in Schwarzgeldgeschäfte der Bayrischen HVB verstrickt gewesen sei, was er anhand von Kontodaten und Namen auch belegen konnte. Doch anstatt seinen Anschuldigungen nachzugehen, wurde er auf unbestimmte Zeit wegen "wahnhafter Störungen" in die Forensik eingewiesen, obwohl sich seine Behauptungen im Nachhinein als durchaus begründet erwiesen haben, wie interne Papiere der HVB belegen.
Sowohl der damalige Vorsitzende Richter als auch die bayrische Justizministerin weisen bis heute wider besseres Wissen jegliche Verantwortung zurück, getreu dem Motto: "Was gestern Recht war, kann heute nicht Unrecht sein!" Übrigens ein Motto, das gerne von den "Furchtbaren Juristen" des NS-Regimes und der DDR-Justiz ins Feld geführt wurde, wenn es um ihre Verantwortung für ungerechte und rechtsstaatlich verwerfliche Urteile ging.
Gehen wir noch etwas weiter zurück, so stoßen wir auf den Steuerfahnder-Skandal in Hessen, wo mehrere unbequeme Mitarbeiter der Steuerverwaltung mit einem falschen psychiatrischen Gutachten aus dem Dienst entfernt wurden, weil sie hartnäckig an der Verfolgung von brisanten Fällen gearbeitet hatten, was im Übrigen bis zum heutigen Tag für die Verantwortlichen keinerlei Konsequenzen gehabt hat.
Selbst für den unbedarften Laien ergibt sich hier ein zutiefst beunruhigendes Muster: Werden in Deutschland unangepasste und kritische Bürger zum Opfer einer korrupten Justiz und einer willfährigen Psychiatrie, so wie es bekanntermaßen in totalitären Staaten wie der ehemaligen Sowjetunion und in China der Fall ist? Sollen sie durch eine psychiatrische Diagnose zum Schweigen gebracht und unglaubwürdig gemacht werden? Und wer hat ein Interesse daran, diese Menschen mundtot zu machen?
Für eine Demokratie, die sich so gerne bei allen passenden Gelegenheiten mit dem Etikett "Rechtsstaat" schmückt, und in deren Verfassung Werte wie Menschenrechte und Menschenwürde festgeschrieben sind, ist dieses Vorgehen nicht nur unverzeihlich, sondern zeichnet auch ein äußerst düsteres und beängstigendes Bild vom Rechtsverständnis der "Mächtigen". Der Satz: "Alle Menschen sind gleich!" wird hier zur zynischen und menschenverachtenden Satire.
Ein Staat, der so etwas zulässt, und eine Psychiatrie, die sich so eifrig zum Erfüllungsgehilfen staatlicher Repression macht, sind eine ernste Gefahr, der man nur mit äußerster Vorsicht und mit einem gesunden Misstrauen begegnen kann, um nicht selber irgendwann Opfer des Systems zu werden.

Für alle, die in diesem Justiz- und Psychiatrieskandal etwas tun möchten, gibt es eine Online-Petition:

http://www.openpetition.de/petition/online/ruecktritt-der-bayerischen-justizministerin-und-aufnahme-einer-untersuchung-im-fall-mollath

Sonntag, 25. November 2012

Gefühlschaos

Manchmal
sind Gefühle
nur Chaos
ungeformt
nicht zu benennen
verwirrend.

Du weiß nicht
wohin sie
dich führen
was sie
mit dir tun
und
schon garnicht
was du
mit ihnen tun sollst.

Sie überkommen dich
nehmen dich in Besitz
machen dich
hilflos
ratlos.

Ohne sie
wärst du kein Mensch
doch mit ihnen
ist Menschsein
oft nur
schwer auszuhalten.

Was macht dich aus?
Es sind
nicht nur
die Gefühle
sondern auch das
was DU mit ihnen
aus ihnen machst.



Sonntag, 18. November 2012

Depression

Es gibt Tage
an denen ich
mich einfach nur
verkriechen
verstecken möchte
um nicht
dem Leben
ausgeliefert zu sein.

Tage
an denen das Leben
nicht nur Herausforderung
sondern unüberwindbare
Hürde ist.

Wo andere Menschen
nicht helfen
sondern stören
und meine Gedanken
ihre Mauern
nicht überwinden wollen.

Meinen Gefühlen
ihren Weg nicht vorschreiben
sie so zu lassen
nicht werten
sie ihren Platz
allein bestimmen zu lassen.

Mit mir allein sein
meine Lebens-Trauer
meinen Lebens-Unmut
meine Lebens-Wut
ungehindert
ungestört
leben.

Es ist
notwendiges Durchatmen
kein Aufgeben
keine Resignation
sondern Kräftesammeln
um im Alltag
wieder bestehen
zu können.

Dienstag, 13. November 2012

Kritische Gedanken zur eigenen Biografie und ungelöste Fragen

In unregelmäßigen Abständen- meistens nach einer Therapiesitzung, in Ruhephasen, oder wenn ich versuche in die Zukunft zu denken- kommen Bilder aus meiner Vergangenheit an die Oberfläche, die mich intensiv beschäftigen. Noch vor nicht allzu langer Zeit waren dies traurige und vor allem beklemmende Momente, ohne jede Distanz zu den Geschehnissen. Es war fast so, als ob ich alles noch einmal durchleben müsste: Die Demütigungen, das Unverständnis meiner Mitmenschen und vor allem die quälende Hilflosigkeit in der jeweiligen Situation.

Ich bin mit großer Unbedarftheit und ohne konkrete Ziele ins Leben gestartet. Aus den verschiedensten Gründen war mein Elternhaus nicht im Stande, mir ein gutes und stabiles Fundament mit auf den Weg zu geben, das mir meinen Weg hätte zumindest erleichtern können. Bis weit ins Erwachsenenalter war ich ein unreflektierter Getriebener ohne klare Ziele und mit nur einem einzigen konstanten Gefühl: Hilflosigkeit. Dem entsprechend ist meine Biografie kein Ruhmesblatt und es gibt Vieles, das ich mit meiner heutiger Sichtweise aus tiefster Seele bereue.

Auf der einen Seite sind da die Menschen, die ich zutiefst enttäuscht und verletzt habe, ohne sie je um Verzeihung gebeten zu haben. Da sind meine kriminellen Handlungen, bei deren Ausübung ich damals eine große, nahezu perverse Genugtuung empfand und deren Aufdeckung mich nicht daran gehindert hat, damit fortzufahren.

Auf der anderen Seite ist dagegen mein permanentes Scheitern am Leben, in den Beziehungen mit und zu anderen Menschen und mein unstillbares Verlangen nach Anerkennung und Zugehörigkeit, das immer wieder enttäuscht wurde.

Was hat sich verändert? Eine wirklich befriedigende Antwort darauf habe ich nicht. Manchmal stehe ich selber staunend vor den Veränderungen in meinem Leben. Möglicherweise habe ich mich unmerklich verändert, bin reifer geworden, habe dazugelernt und sehe meine Vergangenheit aus einer größeren Distanz und in einem anderen, erweiterten Kontext: nämlich nicht mehr isoliert nur aus meiner subjektiven "Opferperspektive", sondern im Zusammenspiel mit den anderen Beteiligten, ihrem Handeln mir gegenüber und in ihrer Interaktion mit mir. Auch sind mir meine Stärken heute um Einiges bewusster als damals und vielleicht ist das der entscheidende Unterschied zur Vergangenheit.


Montag, 12. November 2012

Gedanken zur Selbsthilfe

Seit etlichen Jahren (ich glaube seit ca.2007) engagiere ich mich in der Selbsthilfe.
Nach Jahren der Isolation und Resignation war es für mich ein großer und wichtiger Schritt, mich offensiv und im Austausch mit Gleichgesinnten meinen Problemen zu stellen und gemeinsam an alltagstauglichen Lösungswegen zu arbeiten.
So hilfreich und befreiend die Arbeit in einer Selbsthilfegruppe auch ist, so ist sie doch auch nur ein Abbild des alltäglichen und "normalen" Miteinanders- quasi ein Mikrokosmos des Zwischenmenschlichen. Man trifft in einer solchen Gruppe genauso auf Wichtigtuer, Ignoranten und Profilneurotiker, die den an der gemeinsamen Arbeit ernsthaft Interessierten das Leben schwer machen und die Wirksamkeit des solidarischen Miteinanders durch ihr Handeln gefährden.
Durch meine Auseinandersetzung mit dieser Problematik ist der folgende Text entstanden, den ich vor ungefähr 4 Jahren auch im Selbsthilfemagazin FORUM des Paritätischen in Dortmund veröffentlicht habe:



(K)Eine Insel der Seligen-

Konflikte in der Selbsthilfe

Tagtäglich werden wir im Leben -überall dort, wo Menschen sich begegnen- mit Konflikten und Auseinandersetzungen konfrontiert. Es ist ein Aufeinandertreffen der unterschiedlichsten Charaktere und auch der sozialen Unterschiede, die diese Reibungen hervorrufen und niemand im normalen Alltag wird diese Gesetzmäßigkeit ernsthaft in Frage stellen. Was aber geschieht, wenn diese zwischenmenschlichen Konflikte auch dort auftreten, wo man sie eigentlich am wenigsten erwartet und wo sie auf Grund der besonderen Konstellation –nämlich in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten- ungleich schärfer und komprimierter hervortreten?
Menschen, die sich in einer Selbsthilfegruppe zusammenfinden, sind einerseits natürlich auch nur ein Teil des alltäglichen Lebens und des normalen Miteinanders, andererseits aber oft durch Krankheit und schwierige Biografien in besonderem Maße sensibilisiert und auch traumatisiert. Man schließt sich zusammen mit der Absicht, einander zu helfen, für einander einzustehen und in gegenseitigem Vertrauen oft sehr intime persönliche Schwierigkeiten zu besprechen. Das alles macht die Besonderheit einer Selbsthilfegruppe aus; es ist quasi ein besonderer, geschützter Raum außerhalb des Alltags, und das auch nur für wenige Stunden in der Woche.
Aus dieser besonderen Konstellation erwächst jedem einzelnen Gruppenmitglied eine ebenfalls besondere Verantwortung für die Harmonie, das Gleichgewicht und die Homogenität der Gruppe einzutreten. Persönliche Animositäten gegenüber anderen Gruppenmitgliedern und provokantes, egoistisches Verhalten stören das sehr empfindliche Gleichgewicht in der Gruppe und tragen dazu bei, dass aus dem sicheren Raum für Manchen ein Ort wird, aus dem er sich zurückziehen möchte. Denn viele Menschen können auf Grund ihrer Biografie gerade mit Konflikten und Spannungen nicht gut umgehen oder erleben diese zu häufig auch in ihrem Alltag.
Es wäre sehr zu wünschen, dass jeder, der die Hilfe einer solchen Gruppe in Anspruch nehmen möchte, sich der Besonderheit und Einmaligkeit dieser Möglichkeit bewusst ist und sich entsprechend feinfühlig und taktvoll in das Geschehen einbringt. Anderenfalls bleiben irgendwann nur die Menschen übrig, die in einer Selbsthilfegruppe die ideale Möglichkeit sehen, sich zu profilieren und/oder Macht auszuüben, um sich so von ihrem eigenen oft eintönigen und einsamen Leben abzulenken.Und das darf nicht geschehen, denn Selbsthilfe bedeutet auch soziales Üben und neue, hilfreiche und vor allem wohltuende Kontakte knüpfen zu können und zu pflegen. Auf diese Weise kann eine solche Gruppe zum Vorbild werden für eine humanere und sozialere Gesellschaft.

Donnerstag, 8. November 2012

Beim Lesen meiner älteren Gedichte

Heute ist mir aufgefallen
welch kurzes Verfallsdatum
viele meiner Gedichte haben.

Was sich beim Schreiben
noch richtig, authentisch
und gültig anfühlte
klingt heute
hohl und abgestanden
oberflächlich
und so garnicht nach mir.

Das erschreckt mich
verunsichert mich
denn eigentlich
habe ich geglaubt
gehofft, gefühlt
meine Gedichte hätten
etwas Allgemeingültiges
eine Spur von Ewigkeit.

Das klingt vermessen
und arrogant.


Und so bin ich jetzt
bescheiden und
mich demütig herantastend
auf der Suche
nach meiner Sprache.

Mittwoch, 7. November 2012

Einsamkeit

Manchmal
überfällt mich
die Einsamkeit
mit all ihrer
dunklen und zerstörerischen
Macht.

Es gibt Menschen
die sind allein
aber
nie einsam
und Menschen
die nie allein
und doch
einsam sind.

Allein zu sein
mit meinen Gedanken
hat etwas Tröstliches.
Sie sind mein sicheres
inneres Zuhause.

Allein zu sein
mit
der dunklen Welt
meiner Gefühle
mit all der Angst
den Zweifeln
dem Nicht Wissen
das ist
Einsamkeit.

Und doch
ist da
ein kleiner Funken Hoffnung
das Gleichgewicht
wiederzufinden.


Montag, 5. November 2012

Angstgedanken

Ich bin ein ängstlicher Mensch. Und ängstliche Menschen neigen dazu, sich zu viele und oft unnötige Gedanken zu machen. Gedanken über ihr Leben, darüber, was andere Menschen wohl über sie denken und, ob sie im Leben überhaupt bestehen können und ob sie es wert sind, Anerkennung zu erfahren.

Ängstliche Menschen benötigen sehr viel Sicherheit in allen Bereichen ihres Lebens, die ihnen aber in dem Umfang, den sie als unerlässlich erachten, niemand zu geben im Stande ist. Wir versuchen, uns bei allem was wir tun oder entscheiden, bei unserem sozialen Umfeld rückzuversichern. Wir möchten wissen, ob das, was wir tun, oder ob unsere Entscheidung richtig ist und bekommen wir keine Antwort, bricht unsere Welt in sich zusammen. Wir fühlen uns hilflos ausgeliefert, gefangen in einem Sumpf von vermeintlich Wichtigem und sehen uns außer Stande, einen selbstständigen ersten Schritt zu machen.

Auf diese Weise machen wir uns gerne und auch schnell abhängig von anderen Menschen, in der Hoffnung, sie könnten uns das Wesentliche abnehmen und vielleicht sogar stellvertretend für uns die notwendigen Schritte tun und die fälligen Entscheidungen treffen. Eine ganze Industrie lebt inzwischen von uns Ängstlichen: Es sind die Betreuungseinrichtungen, die Gesetzlichen Betreuer und nicht zuletzt die Psychotherapeuten und Pharmakonzerne, die jährlich Milliarden mit und an den Ängsten anderer Menschen verdienen.

Natürlich kann es für eine Weile hilfreich sein, die Verantwortung zu delegieren oder sich zumindest Unterstützung zu suchen, wenn man mit dem eigenen Leben und dem, was zu tun ist, nicht mehr zurechtkommt. Aber ein Übermaß von Hilfe entselbstständigt uns und wir verlernen bildlich gesprochen das Laufen auf den eigenen Beinen. Wer läuft, kann auch stürzen, aber wer nicht laufen kann, bleibt liegen!




Sonntag, 4. November 2012

Psycho-Logisch

Hurra! Fast zwei Jahrzehnte mit dem Lebensschwerpunkt Therapie gehen in den nächsten Monaten zuende. Und ich habe große Angst vor dem Danach!

Fast zwei Dekaden, die 1995 mit einem mehrmonatigem Aufenthalt in einer psychiatrischen Tagesklinik ihren Anfang nahmen, nachdem die vorangegangenen zehn Jahre ein kräftezehrendes, glorioses und aneinandergereihtes Scheitern an mir, der Gesellschaft und meinem verzweifelten Wunsch nach Autonomie gewesen waren. Endlich die Möglichkeit, Geschehenes aufzuarbeiten und vor Allem: Endlich Antworten auf die Frage nach dem Warum?

Aufzuarbeiten gab es Vieles: Zwischenmenschliche Situationen waren aufs hässlichste eskaliert, meine Versuche, beruflich einen Platz im Leben zu finden, waren kläglich gescheitert und ich schleppte einen Berg von Verwirrung, namenloser Wut und tiefster Depression hinter mir her.

Die Erklärungsmodelle der klassischen Psychotherapie sind auf den ersten Blick recht einfach und einleuchtend: Da sind die Konflikte mit einem schwierigen Elternhaus, das Mobbing in der Schule und die erlernten Selbstschutz- Strategien, die die eigene Persönlichkeit erst formen und dann irgendwann auch de-formieren. Um nicht ständig mit der eigenen Verletzlichkeit und dem eigenen Scheitern konfrontiert zu werden, hatte ich mir eine Parallelwelt erschaffen, in der ich das Sagen hatte und auch erfolgreich war. Bloß dumm, wenn Wirklichkeit und Fantasie irgendwann kollidieren und das mühsam aufgebaute Selbstbild in tausend Stücke zersplittert!

Psychiatrische Diagnosen haben eine dumme Angewohnheit: Sie neigen dazu, eine gefährliche und chronifizierende Eigendynamik zu entwickeln. Einmal mit einer Diagnose versehen, ist man als "Psycho" kategorisiert und wird von der schweigenden Mehrheit auch so behandelt. Dass eine differenziertere Betrachtungsweise des einzelnen Menschen mit seinen individuellen Fähigkeiten und Eigenschaften und die Förderung der Eigenständigkeit wesentlich hilfreicher sind als die Gleichung: Behindert = Dumm, ist eigentlich eine Binsenweisheit. Leider hat sich diese Sichtweise seit der Psychiatriereform in den Neunzehnhundertsiebzigerjahren noch immer nicht wesentlich geändert. Sämtliche gemeindepsychiatrischen Hilfsangebote (ambulant Betreutes Wohnen, Behindertenwerkstätten, usw.) docken mit ihrem Menschenbild und ihren Hilfekonzepten noch immer weitgehend an dieses Klischee des intelligenzverminderten Klienten an, der in seiner Lebensführung eine liebevoll- dominante Hand benötigt, um "selbstständig" leben zu können.


Leider sind diese Zeilen nicht nur lustvolle Polemik, sondern spiegeln meine langjährigen Erfahrungen mit dem Hilfesystem wider. Denn in den vergangenen Jahren durfte ich mich immer wieder in und an diesem System abarbeiten, ohne das ich meinen persönlichen Zielen einen Schritt näher gekommen wäre.

Hilfe in dieser Form schafft eine gefährliche Abhängigkeit von den Helfenden, denn man verlässt sich sehr leicht blind auf die Konzepte und traut sich aus Angst vor dem Verlust nicht, die Motive und das System zu hinterfragen. Das Motto: "Entweder du passt dich an, oder wir lassen dich fallen!" ist leider allzu lange mein durch leidvolle Erfahrung geprägtes Lebensmotiv gewesen und vermutlich auch der Grund für die fast zwei Jahrzehnte andauernde Odyssee durch die psychiatrisch- soziotherapeutische Landschaft.

Meine Quintessenz? Mut zur Individualität und zu den eigenen Schwächen! Denn behindert ist man nicht, behindert wird man!



Donnerstag, 1. November 2012

Zum Tod meines Vaters

 Am 24.07.2012, früh am Morgen, ist mein Vater nach einem Herzinfarkt im Alter von fast 89 Jahren gestorben. Sein Tod hat mich sehr tief berührt und für lange Zeit sprach- und fassungslos gemacht.
Wie trauert man richtig? Gibt es überhaupt einen allgemeingültigen Weg der Trauer? Und wie geht man (wie gehe ich) richtig und heilsam mit den Gefühlen um, die der Tod auslöst?

Dieses Gedicht ist mein Versuch einer Antwort und mein letzter Gruß an ihn:
 
Mein Bild von dir:
Ganz friedlich und
mit einem feinen Lächeln.
Deine Hände gefaltet.
Erst vor einer Stunde
bist du eingeschlafen und
fassungslos und ohne Worte
stehe ich
an deinem Totenbett.

Die letzten Tage im Krankenhaus
widersprachen deinem Ethos und deiner
lebenslangen Würde.
Deine Verwirrung
Schläuche, Zugänge, ein Blasenkatheter
das warst nicht mehr du.

Aber deine Worte, dein Humor
waren noch da und
ließen uns selbst im Angesicht
deines Sterbens
noch lächeln.

Die Strukturen
haben sich mit deinem Tod
verändert.
Kein Gleichgewicht mehr
nur unterdrückter Schmerz und
der Verlust eines geliebten
unterschätzten Menschen.

Jeder Mensch trauert
auf seine Weise
und ich möchte
nicht mehr länger schweigen
und dir sagen: Du fehlst!

Habe ich etwas zu sagen?

Natürlich wünscht sich jeder, der mit Sprache arbeitet, ein möglichst breites Echo zu dem, was er schreibt. Man möchte die Welt verändern mit seinen Worten und Gedanken und wünscht sich ein aufgeschlossenes, empfindungsfähiges Publikum, das einem begeistert an den Lippen hängt.

Habe ich etwas zu sagen, das es wert ist, veröffentlicht zu werden? Ich kann und möchte diese Frage nicht beantworten, weil für mich das Schreiben in erster Linie Therapie und Mittel zur Selbstreflexion ist. Ich möchte meine Gedanken sichten, ordnen und sie aus ihrem Gefängnis befreien, in dem sie die letzten Jahre chaotisch, nicht greifbar und mich quälend verbracht haben: Meinem Verstand!

Habe ich etwas zu sagen? Ich habe sehr lange gezögert, diesen Weg zu gehen. Es gab zu viele Unsicherheiten und Zweifel an den eigenen Fähigkeiten und dem Wert meiner Gedanken. Letztlich kann ich es nur anderen überlassen, sich ein Urteil über meine vermeintliche Begabung zu bilden!

Nachtrag: Ich bin regelrecht überwältigt von der Resonanz auf meine Texte in den letzten Tagen. Dank der modernen Technik zeigt Google mir die täglichen Zugriffszahlen auf meinen Blog und es ist ein erhebendes Gefühl zu sehen, dass meine Leserschaft im deutlich zweistelligen Bereich liegt. Natürlich ist das objektiv betrachtet keine große Zahl, aber für einen "Neuling", der bisher fast nur für die Schreibtisch- Schublade geschrieben hat (mal abgesehen von einem Gedichtband, der aber nur in einem dieser tollen Zuschuss-Verlage erschienen ist), sind das tolle Zahlen. Daher ein großes Dankeschön an meine Leserschaft!

Auch wenn meine Texte in erster Linie meiner inneren Ordnung und Orientierung dienen, sehe ich mich doch  als lernender "Schrift-Steller", der die Öffentlichkeit sucht und damit auch bereit ist, sich konstruktiver Kritik und Anregungen zu stellen und daran zu wachsen. Daher meine Bitte an Euch: Nutzt die Kommentarfunktion dieses Blogs! Denn nur im Dialog wird Sprache wirklich lebendig.