Donnerstag, 29. November 2012

Leere Angst

Dunkelheit
leere, hallende Räume-
eine Staubschicht
die alles Umgebende dämpft.

Nur ein Augenblick
und du fühlst dich
darin gefangen-
in der scheinbaren Weite
dieser Räume
bedrängt von der Dunkelheit.

Denn da sind keine Türen
da ist kein Licht
nur Beklemmung
und du atmest Angst.

In dir nur

beklemmende Enge
keine Freiheit
keine Hoffnung
kein Gefühl.

Manchmal
nimmt dein Leben
diese Gestalt an...

Dienstag, 27. November 2012

Der Fall Gustl Mollath- Wie unabhängig sind Justiz und Psychiatrie?

In den frühen Neunzehnhundertachtzigerjahren war an der Hauswand des Dortmunder Amtsgerichts folgender Spruch zu lesen:

"Deutsche Richter üben fleißig
für ein neues Dreiunddreißig!"

Was damals sicherlich als naiv-linker Spontispruch gemeint war, erhält leider in den letzten Wochen eine traurige und zornig-machende Realität: Zunehmend mehren sich die Anzeichen, dass der bayrische Bürger Gustl Molath zu unrecht seit nunmehr sechs Jahren in der Psychiatrie sitzt.
Hintergrund dieses Skandals sind Äußerungen Molaths, dass seine Exfrau in Schwarzgeldgeschäfte der Bayrischen HVB verstrickt gewesen sei, was er anhand von Kontodaten und Namen auch belegen konnte. Doch anstatt seinen Anschuldigungen nachzugehen, wurde er auf unbestimmte Zeit wegen "wahnhafter Störungen" in die Forensik eingewiesen, obwohl sich seine Behauptungen im Nachhinein als durchaus begründet erwiesen haben, wie interne Papiere der HVB belegen.
Sowohl der damalige Vorsitzende Richter als auch die bayrische Justizministerin weisen bis heute wider besseres Wissen jegliche Verantwortung zurück, getreu dem Motto: "Was gestern Recht war, kann heute nicht Unrecht sein!" Übrigens ein Motto, das gerne von den "Furchtbaren Juristen" des NS-Regimes und der DDR-Justiz ins Feld geführt wurde, wenn es um ihre Verantwortung für ungerechte und rechtsstaatlich verwerfliche Urteile ging.
Gehen wir noch etwas weiter zurück, so stoßen wir auf den Steuerfahnder-Skandal in Hessen, wo mehrere unbequeme Mitarbeiter der Steuerverwaltung mit einem falschen psychiatrischen Gutachten aus dem Dienst entfernt wurden, weil sie hartnäckig an der Verfolgung von brisanten Fällen gearbeitet hatten, was im Übrigen bis zum heutigen Tag für die Verantwortlichen keinerlei Konsequenzen gehabt hat.
Selbst für den unbedarften Laien ergibt sich hier ein zutiefst beunruhigendes Muster: Werden in Deutschland unangepasste und kritische Bürger zum Opfer einer korrupten Justiz und einer willfährigen Psychiatrie, so wie es bekanntermaßen in totalitären Staaten wie der ehemaligen Sowjetunion und in China der Fall ist? Sollen sie durch eine psychiatrische Diagnose zum Schweigen gebracht und unglaubwürdig gemacht werden? Und wer hat ein Interesse daran, diese Menschen mundtot zu machen?
Für eine Demokratie, die sich so gerne bei allen passenden Gelegenheiten mit dem Etikett "Rechtsstaat" schmückt, und in deren Verfassung Werte wie Menschenrechte und Menschenwürde festgeschrieben sind, ist dieses Vorgehen nicht nur unverzeihlich, sondern zeichnet auch ein äußerst düsteres und beängstigendes Bild vom Rechtsverständnis der "Mächtigen". Der Satz: "Alle Menschen sind gleich!" wird hier zur zynischen und menschenverachtenden Satire.
Ein Staat, der so etwas zulässt, und eine Psychiatrie, die sich so eifrig zum Erfüllungsgehilfen staatlicher Repression macht, sind eine ernste Gefahr, der man nur mit äußerster Vorsicht und mit einem gesunden Misstrauen begegnen kann, um nicht selber irgendwann Opfer des Systems zu werden.

Für alle, die in diesem Justiz- und Psychiatrieskandal etwas tun möchten, gibt es eine Online-Petition:

http://www.openpetition.de/petition/online/ruecktritt-der-bayerischen-justizministerin-und-aufnahme-einer-untersuchung-im-fall-mollath

Sonntag, 25. November 2012

Gefühlschaos

Manchmal
sind Gefühle
nur Chaos
ungeformt
nicht zu benennen
verwirrend.

Du weiß nicht
wohin sie
dich führen
was sie
mit dir tun
und
schon garnicht
was du
mit ihnen tun sollst.

Sie überkommen dich
nehmen dich in Besitz
machen dich
hilflos
ratlos.

Ohne sie
wärst du kein Mensch
doch mit ihnen
ist Menschsein
oft nur
schwer auszuhalten.

Was macht dich aus?
Es sind
nicht nur
die Gefühle
sondern auch das
was DU mit ihnen
aus ihnen machst.



Sonntag, 18. November 2012

Depression

Es gibt Tage
an denen ich
mich einfach nur
verkriechen
verstecken möchte
um nicht
dem Leben
ausgeliefert zu sein.

Tage
an denen das Leben
nicht nur Herausforderung
sondern unüberwindbare
Hürde ist.

Wo andere Menschen
nicht helfen
sondern stören
und meine Gedanken
ihre Mauern
nicht überwinden wollen.

Meinen Gefühlen
ihren Weg nicht vorschreiben
sie so zu lassen
nicht werten
sie ihren Platz
allein bestimmen zu lassen.

Mit mir allein sein
meine Lebens-Trauer
meinen Lebens-Unmut
meine Lebens-Wut
ungehindert
ungestört
leben.

Es ist
notwendiges Durchatmen
kein Aufgeben
keine Resignation
sondern Kräftesammeln
um im Alltag
wieder bestehen
zu können.

Dienstag, 13. November 2012

Kritische Gedanken zur eigenen Biografie und ungelöste Fragen

In unregelmäßigen Abständen- meistens nach einer Therapiesitzung, in Ruhephasen, oder wenn ich versuche in die Zukunft zu denken- kommen Bilder aus meiner Vergangenheit an die Oberfläche, die mich intensiv beschäftigen. Noch vor nicht allzu langer Zeit waren dies traurige und vor allem beklemmende Momente, ohne jede Distanz zu den Geschehnissen. Es war fast so, als ob ich alles noch einmal durchleben müsste: Die Demütigungen, das Unverständnis meiner Mitmenschen und vor allem die quälende Hilflosigkeit in der jeweiligen Situation.

Ich bin mit großer Unbedarftheit und ohne konkrete Ziele ins Leben gestartet. Aus den verschiedensten Gründen war mein Elternhaus nicht im Stande, mir ein gutes und stabiles Fundament mit auf den Weg zu geben, das mir meinen Weg hätte zumindest erleichtern können. Bis weit ins Erwachsenenalter war ich ein unreflektierter Getriebener ohne klare Ziele und mit nur einem einzigen konstanten Gefühl: Hilflosigkeit. Dem entsprechend ist meine Biografie kein Ruhmesblatt und es gibt Vieles, das ich mit meiner heutiger Sichtweise aus tiefster Seele bereue.

Auf der einen Seite sind da die Menschen, die ich zutiefst enttäuscht und verletzt habe, ohne sie je um Verzeihung gebeten zu haben. Da sind meine kriminellen Handlungen, bei deren Ausübung ich damals eine große, nahezu perverse Genugtuung empfand und deren Aufdeckung mich nicht daran gehindert hat, damit fortzufahren.

Auf der anderen Seite ist dagegen mein permanentes Scheitern am Leben, in den Beziehungen mit und zu anderen Menschen und mein unstillbares Verlangen nach Anerkennung und Zugehörigkeit, das immer wieder enttäuscht wurde.

Was hat sich verändert? Eine wirklich befriedigende Antwort darauf habe ich nicht. Manchmal stehe ich selber staunend vor den Veränderungen in meinem Leben. Möglicherweise habe ich mich unmerklich verändert, bin reifer geworden, habe dazugelernt und sehe meine Vergangenheit aus einer größeren Distanz und in einem anderen, erweiterten Kontext: nämlich nicht mehr isoliert nur aus meiner subjektiven "Opferperspektive", sondern im Zusammenspiel mit den anderen Beteiligten, ihrem Handeln mir gegenüber und in ihrer Interaktion mit mir. Auch sind mir meine Stärken heute um Einiges bewusster als damals und vielleicht ist das der entscheidende Unterschied zur Vergangenheit.


Montag, 12. November 2012

Gedanken zur Selbsthilfe

Seit etlichen Jahren (ich glaube seit ca.2007) engagiere ich mich in der Selbsthilfe.
Nach Jahren der Isolation und Resignation war es für mich ein großer und wichtiger Schritt, mich offensiv und im Austausch mit Gleichgesinnten meinen Problemen zu stellen und gemeinsam an alltagstauglichen Lösungswegen zu arbeiten.
So hilfreich und befreiend die Arbeit in einer Selbsthilfegruppe auch ist, so ist sie doch auch nur ein Abbild des alltäglichen und "normalen" Miteinanders- quasi ein Mikrokosmos des Zwischenmenschlichen. Man trifft in einer solchen Gruppe genauso auf Wichtigtuer, Ignoranten und Profilneurotiker, die den an der gemeinsamen Arbeit ernsthaft Interessierten das Leben schwer machen und die Wirksamkeit des solidarischen Miteinanders durch ihr Handeln gefährden.
Durch meine Auseinandersetzung mit dieser Problematik ist der folgende Text entstanden, den ich vor ungefähr 4 Jahren auch im Selbsthilfemagazin FORUM des Paritätischen in Dortmund veröffentlicht habe:



(K)Eine Insel der Seligen-

Konflikte in der Selbsthilfe

Tagtäglich werden wir im Leben -überall dort, wo Menschen sich begegnen- mit Konflikten und Auseinandersetzungen konfrontiert. Es ist ein Aufeinandertreffen der unterschiedlichsten Charaktere und auch der sozialen Unterschiede, die diese Reibungen hervorrufen und niemand im normalen Alltag wird diese Gesetzmäßigkeit ernsthaft in Frage stellen. Was aber geschieht, wenn diese zwischenmenschlichen Konflikte auch dort auftreten, wo man sie eigentlich am wenigsten erwartet und wo sie auf Grund der besonderen Konstellation –nämlich in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten- ungleich schärfer und komprimierter hervortreten?
Menschen, die sich in einer Selbsthilfegruppe zusammenfinden, sind einerseits natürlich auch nur ein Teil des alltäglichen Lebens und des normalen Miteinanders, andererseits aber oft durch Krankheit und schwierige Biografien in besonderem Maße sensibilisiert und auch traumatisiert. Man schließt sich zusammen mit der Absicht, einander zu helfen, für einander einzustehen und in gegenseitigem Vertrauen oft sehr intime persönliche Schwierigkeiten zu besprechen. Das alles macht die Besonderheit einer Selbsthilfegruppe aus; es ist quasi ein besonderer, geschützter Raum außerhalb des Alltags, und das auch nur für wenige Stunden in der Woche.
Aus dieser besonderen Konstellation erwächst jedem einzelnen Gruppenmitglied eine ebenfalls besondere Verantwortung für die Harmonie, das Gleichgewicht und die Homogenität der Gruppe einzutreten. Persönliche Animositäten gegenüber anderen Gruppenmitgliedern und provokantes, egoistisches Verhalten stören das sehr empfindliche Gleichgewicht in der Gruppe und tragen dazu bei, dass aus dem sicheren Raum für Manchen ein Ort wird, aus dem er sich zurückziehen möchte. Denn viele Menschen können auf Grund ihrer Biografie gerade mit Konflikten und Spannungen nicht gut umgehen oder erleben diese zu häufig auch in ihrem Alltag.
Es wäre sehr zu wünschen, dass jeder, der die Hilfe einer solchen Gruppe in Anspruch nehmen möchte, sich der Besonderheit und Einmaligkeit dieser Möglichkeit bewusst ist und sich entsprechend feinfühlig und taktvoll in das Geschehen einbringt. Anderenfalls bleiben irgendwann nur die Menschen übrig, die in einer Selbsthilfegruppe die ideale Möglichkeit sehen, sich zu profilieren und/oder Macht auszuüben, um sich so von ihrem eigenen oft eintönigen und einsamen Leben abzulenken.Und das darf nicht geschehen, denn Selbsthilfe bedeutet auch soziales Üben und neue, hilfreiche und vor allem wohltuende Kontakte knüpfen zu können und zu pflegen. Auf diese Weise kann eine solche Gruppe zum Vorbild werden für eine humanere und sozialere Gesellschaft.

Donnerstag, 8. November 2012

Beim Lesen meiner älteren Gedichte

Heute ist mir aufgefallen
welch kurzes Verfallsdatum
viele meiner Gedichte haben.

Was sich beim Schreiben
noch richtig, authentisch
und gültig anfühlte
klingt heute
hohl und abgestanden
oberflächlich
und so garnicht nach mir.

Das erschreckt mich
verunsichert mich
denn eigentlich
habe ich geglaubt
gehofft, gefühlt
meine Gedichte hätten
etwas Allgemeingültiges
eine Spur von Ewigkeit.

Das klingt vermessen
und arrogant.


Und so bin ich jetzt
bescheiden und
mich demütig herantastend
auf der Suche
nach meiner Sprache.

Mittwoch, 7. November 2012

Einsamkeit

Manchmal
überfällt mich
die Einsamkeit
mit all ihrer
dunklen und zerstörerischen
Macht.

Es gibt Menschen
die sind allein
aber
nie einsam
und Menschen
die nie allein
und doch
einsam sind.

Allein zu sein
mit meinen Gedanken
hat etwas Tröstliches.
Sie sind mein sicheres
inneres Zuhause.

Allein zu sein
mit
der dunklen Welt
meiner Gefühle
mit all der Angst
den Zweifeln
dem Nicht Wissen
das ist
Einsamkeit.

Und doch
ist da
ein kleiner Funken Hoffnung
das Gleichgewicht
wiederzufinden.


Montag, 5. November 2012

Angstgedanken

Ich bin ein ängstlicher Mensch. Und ängstliche Menschen neigen dazu, sich zu viele und oft unnötige Gedanken zu machen. Gedanken über ihr Leben, darüber, was andere Menschen wohl über sie denken und, ob sie im Leben überhaupt bestehen können und ob sie es wert sind, Anerkennung zu erfahren.

Ängstliche Menschen benötigen sehr viel Sicherheit in allen Bereichen ihres Lebens, die ihnen aber in dem Umfang, den sie als unerlässlich erachten, niemand zu geben im Stande ist. Wir versuchen, uns bei allem was wir tun oder entscheiden, bei unserem sozialen Umfeld rückzuversichern. Wir möchten wissen, ob das, was wir tun, oder ob unsere Entscheidung richtig ist und bekommen wir keine Antwort, bricht unsere Welt in sich zusammen. Wir fühlen uns hilflos ausgeliefert, gefangen in einem Sumpf von vermeintlich Wichtigem und sehen uns außer Stande, einen selbstständigen ersten Schritt zu machen.

Auf diese Weise machen wir uns gerne und auch schnell abhängig von anderen Menschen, in der Hoffnung, sie könnten uns das Wesentliche abnehmen und vielleicht sogar stellvertretend für uns die notwendigen Schritte tun und die fälligen Entscheidungen treffen. Eine ganze Industrie lebt inzwischen von uns Ängstlichen: Es sind die Betreuungseinrichtungen, die Gesetzlichen Betreuer und nicht zuletzt die Psychotherapeuten und Pharmakonzerne, die jährlich Milliarden mit und an den Ängsten anderer Menschen verdienen.

Natürlich kann es für eine Weile hilfreich sein, die Verantwortung zu delegieren oder sich zumindest Unterstützung zu suchen, wenn man mit dem eigenen Leben und dem, was zu tun ist, nicht mehr zurechtkommt. Aber ein Übermaß von Hilfe entselbstständigt uns und wir verlernen bildlich gesprochen das Laufen auf den eigenen Beinen. Wer läuft, kann auch stürzen, aber wer nicht laufen kann, bleibt liegen!




Sonntag, 4. November 2012

Psycho-Logisch

Hurra! Fast zwei Jahrzehnte mit dem Lebensschwerpunkt Therapie gehen in den nächsten Monaten zuende. Und ich habe große Angst vor dem Danach!

Fast zwei Dekaden, die 1995 mit einem mehrmonatigem Aufenthalt in einer psychiatrischen Tagesklinik ihren Anfang nahmen, nachdem die vorangegangenen zehn Jahre ein kräftezehrendes, glorioses und aneinandergereihtes Scheitern an mir, der Gesellschaft und meinem verzweifelten Wunsch nach Autonomie gewesen waren. Endlich die Möglichkeit, Geschehenes aufzuarbeiten und vor Allem: Endlich Antworten auf die Frage nach dem Warum?

Aufzuarbeiten gab es Vieles: Zwischenmenschliche Situationen waren aufs hässlichste eskaliert, meine Versuche, beruflich einen Platz im Leben zu finden, waren kläglich gescheitert und ich schleppte einen Berg von Verwirrung, namenloser Wut und tiefster Depression hinter mir her.

Die Erklärungsmodelle der klassischen Psychotherapie sind auf den ersten Blick recht einfach und einleuchtend: Da sind die Konflikte mit einem schwierigen Elternhaus, das Mobbing in der Schule und die erlernten Selbstschutz- Strategien, die die eigene Persönlichkeit erst formen und dann irgendwann auch de-formieren. Um nicht ständig mit der eigenen Verletzlichkeit und dem eigenen Scheitern konfrontiert zu werden, hatte ich mir eine Parallelwelt erschaffen, in der ich das Sagen hatte und auch erfolgreich war. Bloß dumm, wenn Wirklichkeit und Fantasie irgendwann kollidieren und das mühsam aufgebaute Selbstbild in tausend Stücke zersplittert!

Psychiatrische Diagnosen haben eine dumme Angewohnheit: Sie neigen dazu, eine gefährliche und chronifizierende Eigendynamik zu entwickeln. Einmal mit einer Diagnose versehen, ist man als "Psycho" kategorisiert und wird von der schweigenden Mehrheit auch so behandelt. Dass eine differenziertere Betrachtungsweise des einzelnen Menschen mit seinen individuellen Fähigkeiten und Eigenschaften und die Förderung der Eigenständigkeit wesentlich hilfreicher sind als die Gleichung: Behindert = Dumm, ist eigentlich eine Binsenweisheit. Leider hat sich diese Sichtweise seit der Psychiatriereform in den Neunzehnhundertsiebzigerjahren noch immer nicht wesentlich geändert. Sämtliche gemeindepsychiatrischen Hilfsangebote (ambulant Betreutes Wohnen, Behindertenwerkstätten, usw.) docken mit ihrem Menschenbild und ihren Hilfekonzepten noch immer weitgehend an dieses Klischee des intelligenzverminderten Klienten an, der in seiner Lebensführung eine liebevoll- dominante Hand benötigt, um "selbstständig" leben zu können.


Leider sind diese Zeilen nicht nur lustvolle Polemik, sondern spiegeln meine langjährigen Erfahrungen mit dem Hilfesystem wider. Denn in den vergangenen Jahren durfte ich mich immer wieder in und an diesem System abarbeiten, ohne das ich meinen persönlichen Zielen einen Schritt näher gekommen wäre.

Hilfe in dieser Form schafft eine gefährliche Abhängigkeit von den Helfenden, denn man verlässt sich sehr leicht blind auf die Konzepte und traut sich aus Angst vor dem Verlust nicht, die Motive und das System zu hinterfragen. Das Motto: "Entweder du passt dich an, oder wir lassen dich fallen!" ist leider allzu lange mein durch leidvolle Erfahrung geprägtes Lebensmotiv gewesen und vermutlich auch der Grund für die fast zwei Jahrzehnte andauernde Odyssee durch die psychiatrisch- soziotherapeutische Landschaft.

Meine Quintessenz? Mut zur Individualität und zu den eigenen Schwächen! Denn behindert ist man nicht, behindert wird man!



Donnerstag, 1. November 2012

Zum Tod meines Vaters

 Am 24.07.2012, früh am Morgen, ist mein Vater nach einem Herzinfarkt im Alter von fast 89 Jahren gestorben. Sein Tod hat mich sehr tief berührt und für lange Zeit sprach- und fassungslos gemacht.
Wie trauert man richtig? Gibt es überhaupt einen allgemeingültigen Weg der Trauer? Und wie geht man (wie gehe ich) richtig und heilsam mit den Gefühlen um, die der Tod auslöst?

Dieses Gedicht ist mein Versuch einer Antwort und mein letzter Gruß an ihn:
 
Mein Bild von dir:
Ganz friedlich und
mit einem feinen Lächeln.
Deine Hände gefaltet.
Erst vor einer Stunde
bist du eingeschlafen und
fassungslos und ohne Worte
stehe ich
an deinem Totenbett.

Die letzten Tage im Krankenhaus
widersprachen deinem Ethos und deiner
lebenslangen Würde.
Deine Verwirrung
Schläuche, Zugänge, ein Blasenkatheter
das warst nicht mehr du.

Aber deine Worte, dein Humor
waren noch da und
ließen uns selbst im Angesicht
deines Sterbens
noch lächeln.

Die Strukturen
haben sich mit deinem Tod
verändert.
Kein Gleichgewicht mehr
nur unterdrückter Schmerz und
der Verlust eines geliebten
unterschätzten Menschen.

Jeder Mensch trauert
auf seine Weise
und ich möchte
nicht mehr länger schweigen
und dir sagen: Du fehlst!

Habe ich etwas zu sagen?

Natürlich wünscht sich jeder, der mit Sprache arbeitet, ein möglichst breites Echo zu dem, was er schreibt. Man möchte die Welt verändern mit seinen Worten und Gedanken und wünscht sich ein aufgeschlossenes, empfindungsfähiges Publikum, das einem begeistert an den Lippen hängt.

Habe ich etwas zu sagen, das es wert ist, veröffentlicht zu werden? Ich kann und möchte diese Frage nicht beantworten, weil für mich das Schreiben in erster Linie Therapie und Mittel zur Selbstreflexion ist. Ich möchte meine Gedanken sichten, ordnen und sie aus ihrem Gefängnis befreien, in dem sie die letzten Jahre chaotisch, nicht greifbar und mich quälend verbracht haben: Meinem Verstand!

Habe ich etwas zu sagen? Ich habe sehr lange gezögert, diesen Weg zu gehen. Es gab zu viele Unsicherheiten und Zweifel an den eigenen Fähigkeiten und dem Wert meiner Gedanken. Letztlich kann ich es nur anderen überlassen, sich ein Urteil über meine vermeintliche Begabung zu bilden!

Nachtrag: Ich bin regelrecht überwältigt von der Resonanz auf meine Texte in den letzten Tagen. Dank der modernen Technik zeigt Google mir die täglichen Zugriffszahlen auf meinen Blog und es ist ein erhebendes Gefühl zu sehen, dass meine Leserschaft im deutlich zweistelligen Bereich liegt. Natürlich ist das objektiv betrachtet keine große Zahl, aber für einen "Neuling", der bisher fast nur für die Schreibtisch- Schublade geschrieben hat (mal abgesehen von einem Gedichtband, der aber nur in einem dieser tollen Zuschuss-Verlage erschienen ist), sind das tolle Zahlen. Daher ein großes Dankeschön an meine Leserschaft!

Auch wenn meine Texte in erster Linie meiner inneren Ordnung und Orientierung dienen, sehe ich mich doch  als lernender "Schrift-Steller", der die Öffentlichkeit sucht und damit auch bereit ist, sich konstruktiver Kritik und Anregungen zu stellen und daran zu wachsen. Daher meine Bitte an Euch: Nutzt die Kommentarfunktion dieses Blogs! Denn nur im Dialog wird Sprache wirklich lebendig.