Donnerstag, 12. Dezember 2013

Ohnmacht

Es ist mal wieder
das übliche Kopfkino
des Depressiven:

Ich bin nichts wert,
kein Mensch interessiert sich
wirklich für mich und mir
entgegengebrachte Sypmathie
ist sowieso nur geheuchelt
und ohne wirkliche Substanz.

Ich fühle mich so einsam,
dass der Knoten aus blinder Agression
in mir immer größer wird
und beginnt, sich seine Ziele
völlig ungefiltert zu suchen.

Ich fühle mich
vom Leben verarscht,
von Menschen ausgenutzt
und weggeworfen,
wenn ich zu anstrengend werde.

Bin so müde und lustlos,
dass ich schreien könnte;
aber da mich ohnehin niemand hört,
schreie ich in mich hinein
und mache damit alles
nur noch viel schlimmer.

Es ist diese Ohnmacht
gegenüber den eigenen Gefühlen
und dieses zerstörerische Kopfkino,
die mich mir selber
so unerträglich machen
und selbst diese Erkenntnis
ist im Moment völlig nutzlos.

Ich wünsche mir
menschliche Wärme und Mitgefühl
und verweigere mich doch
im selben Moment
jeglicher Zuwendung.

Bin ein Meister geworden
im Herunterspielen, Relativieren
und Verleugnen der eigenen Bedürfnisse.

Es ist was es ist:
Depressive Ohnmacht.








Sonntag, 8. Dezember 2013

Wutrede

Immer wieder heißt es.
schließlich leben wir in einem Rechtsstaat-
soweit, so zynisch und hypothetisch...

Denn Rechsstaat würde bedeuten,
dass tatsächlich Alle gleich behandelt werden
und nicht nach Alter, Hautfarbe
und Behinderung abgestuft hintergangen,
belogen und betrogen werden
von fetten Staatsdienern
die glauben, sie seien allmächtig
und ihnen könne nichts passieren,
da sie ja verbeamtet sind.

Und diejenigen, die ihre Anliegen
vorbringen, haben dies
in demütig gebückter Haltung zu tun
und in Ewigkeit dankbar zu sein für die Brotkrumen,
die man ihnen allergnädigst zubilligt.

Um wieviel darf das Recht gebeugt werden,
bis es krachend bricht und wie weit
dürfen Menschen gedemütigt und schikaniert werden,
bevor sie zerbrechen?

Ich kann diese Diskussion über Gewalt
gegen Polizisten, Mitarbeitern des "Jobcenters"
und andere "Staatsdiener" nicht mehr hören,
denn sie sind nicht nur arme Opfer,
sondern oft auch aktive Täter,
an denen sich allzu berechtigte Wut entlädt.

"Soziale Gerechtigkeit" und "Rechtsstaat"
dürfen keine leeren Phrasen sein,
an denen satte Politiker
und Funktionäre sich gerne aufgeilen,
wenn irgendwo eine Kamera in Sicht ist...

Montag, 2. Dezember 2013

Was ist eigentlich mit der Silbe "Ver"?

Ein kluger Mensch hat mir vor Jahren mal erklärt, dass alle Worte, die mit der Silbe "Ver" beginnen, etwas Negatives beschreiben. Also ver-loren, ver-dammt, ver-gessen... Aber gilt diese Regel auch für ver-liebt?
Das Wort "Verliebt" beschreibt die Phase einer Partnerschaft, in der man sich in einer handfesten Psychose befindet. Alles ist rosarot, man geht auf Wölkchen und hat einen sehr eigenen Blick auf die Realität und natürlich auch auf den neuen Partner/die neue Partnerin. Alles ist schön und schön bunt.
In der romantischen Lyrik wird die Liebe oft als der einzig wahre und einzig erstrebenswerte Zustand beschrieben, hinter dem alles andere zurückzustehen hat und an Bedeutung verliert. Und zahlreiche, kitschgetränkte Filme und Romane wollen uns glaubenmachen, dass Liebe die endgültige und allein seligmachende Lösung aller Menschheitsprobleme ist.
Es mag sein, dass mein zugegebenermaßen etwas zynischer und kaltherziger Blick auf dieses Phänomen der Tatsache geschuldet ist, dass ich schon sehr lange alleine lebe und was dieses Gefühl betrifft, ziemlich aus der Übung bin. Tatsächlich sind Liebe und auch das Verliebtsein für mich ein großes Mysterium, das außerdem mit Angstgefühlen, großer Schüchternheit und zuvielen negativen Erfahrungen verbunden ist. Alle meine Partnerschaften, oder Liebesbeziehungen, oder wie man das auch immer nennen mag, sind unschön gescheitert (sicherlich nicht ohne Grund) und haben mich in der Summe zutiefst verunsichert und frustriert zurückgelassen.
Und doch vermisse ich genau diese verwirrenden, angstmachenden und aufwühlenden Momente in meinem Leben, die es eigentlich erst vollkommen und rund machen...

Donnerstag, 14. November 2013

Sinnsuche

Ich habe lange
nach einem Sinn gesucht,
der mein Leben füllen könnte.

Dabei wurde unversehens
die lähmende Suche an sich zum Inhalt
und versperrte mir den Blick
auf das Offensichtliche.

Nun ist das Ziel nahe
und ich merke, dass
wer sucht, auch bereit sein sollte,
etwas finden zu wollen.

Dienstag, 5. November 2013

Älterwerden

Meine Umgebung ist älter geworden-
mir vertraute Menschen sind plötzlich weißhaarig,
haben Falten, oder feiern unversehens ihren Sechzigsten...

Und viele Jahre kam ich mir vor
wie in einer Zeitkapsel, an der
die Jahre unbemerkt vorbeigingen,
denn mir konnte das Alter ja nichts anhaben.

Ich blieb jung und unverändert naiv
in meiner Sicht auf die Welt,
bis auch mein Bart plötzlich grau war
und die ersten Fältchen mir im Spiegel
verschmitzt zuzwinkerten.

Lange waren meine Lebensjahre
ein reines Abstraktum,
bis ich merkte, dass auch ich
dem Alter nicht entkommen kann
und sich meine Gedanken
unversehens auf Wesentliches konzentrieren-
gefasster und auf Ziele aus...

Ich schaffe mir ein Heim
für die Zeit die mir bleibt und
verabschiede mich
von Dingen, von Ideen und Meinungen
die mir unnütz und zeitraubend erscheinen.

Ich genieße die wahrhaftigen Momente,
umgebe mich mit Schönem
und breche auf zu neuen Ufern.




Donnerstag, 31. Oktober 2013

Keine Zeit

Es tut mir leid,
aber in diesem Jahr
habe ich keine Zeit
für den Herbstblues.

All die Jahre
hat er mich treu
und verlässlich begleitet;
auch dann, wenn ich nicht wollte.

Aber dieses Jahr
finde ich keinen Raum,
um ihm Zeit zu gewähren.

Also mach's gut.
Vieleicht im nächsten Jahr wieder...

Sonntag, 20. Oktober 2013

Freundschaft...

Wie eine warme, milde Sommernacht-
wohltuend und leicht- legt sie sich
über alle Narben und Verletzungen
aus der Vergangenheit.

Sie umhüllt dich,
engt nicht ein und
richtet dich wieder auf,
wenn du matt am Boden liegst.

Sie ist ein unerklärliches Geschenk
von Mensch zu Mensch
und fragt nicht nach Vergangenem,
sondern lebt im Hier und Jetzt,
im Erkennen und Verstehen.

Sie widerlegt mit einem Lächeln
alle alten, eingebrannten Vorbehalte
des eigenen verzerrten Selbstbildes,
das sich nie als Liebenswert erachtete
und wischt sanft die Angst beiseite.

Es ist ein flüchtiger Moment
der eigenen Vollkommenheit,
ein ungreifbares Erleben von Glück
in einem Augenblick.

Und Worte können es kaum fassen,
dieses kostbare Geschenk des Lebens.
 


Samstag, 19. Oktober 2013

Beziehungs-Weise

Beziehungen- für mich ein fremdes Wunderland
verwoben mit Klischeebehaftetem...
Wieviele Rollen habe ich gespielt,
aus denen ich dann irgendwann
entsetzterleichtert flüchtete?

Mich wirklich einzulassen und hinzugeben,
und das ohne Selbstverlust-
ist nie gelungen und hat
tiefste Spuren hinterlassen.

Und doch sehne ich mich nach dem,
was ich nie wirklich hatte
und schrecke im selben Moment
ahnungsangstvoll davor zurück.

Mich anzunähern heißt volles Risiko
und das Spiel der Gedanken mit dem Ideal
ist soviel ungefährlicher.

Aber die schmerzende, vermissende Leere,
sie lässt sich so nicht füllen...
Und die wirklichen, tiefen Gefühle
verkümmern immer mehr,
denn schließlich sind sie schon zu lange
aus der Übung.


Donnerstag, 10. Oktober 2013

Lobhudelei und Nachdenkliches

Die Texte von Hermann Borgerding inspirieren mich. Er schreibt über seinen Alltag, die Lebensschwierigkeiten, seine Liebe und über alles, was ihn beschäftigt. Das alles ist auf den ersten Blick trivial und strömt doch eine unglaubliche Wärme und Menschlichkeit aus, die mich tief berührt und immer wieder zum Nachdenken bringt.
Wenn ich schreibe, dann vermeide ich die Alltäglichkeiten und die immer wiederkehrenden Routinen meines Lebens- sie erscheinen mir einfach nicht erzählenswert, oder interessant für andere Menschen. Ich möchte niemanden langweilen mit meinen Gedanken und so suche immer nach Themen, die vielleicht auch für andere eine gewisse Relevanz haben könnten und trotzdem meine Themen, meine Inhalte sind. Das ist manchmal ziemlich schwierig und ziemlich weit entfernt von der Leichtigkeit und Unbeschwertheit, die ich mir wünsche.
Wenn Hermann über sein Leben schreibt, dann klingt das gänzlich unverkrampft und vor allem beseelt von Ehrlichkeit und einer großen inneren Gelassenheit. Seine Texte und Poeme atmen inneren Frieden und Souveränität, so als ob er mit sich und seinem Schicksal im Reinen ist. Und genau da liegt der entscheidende Unterschied zwischen ihm und mir. Mein Leben ist voller innerer Kämpfe, großer Einsamkeit und Unsicherheiten, die sich auch in meinen Texten und Poemen immer wieder finden lassen. Ich bin weit davon entfernt, gelassen zu sein und meinen inneren Frieden gefunden zu haben. Mein Leben lang war und bin ich (manchmal wirklich sehr verzweifelt!) auf der Suche nach meinem Platz und meiner Lebensaufgabe, falls es soetwas überhaupt gibt.
Bei Hermann spüre ich: Er ist angekommen! Und das trotz vieler Kämpfe und Schicksalsschläge, die er in seinem Leben erleiden musste. Und vielleicht bin ich auch ein wenig neidisch auf ihn, sein erfülltes Leben und seine Schreibe. Auf jeden Fall inspiriert er mich, weiter zu machen.

Montag, 7. Oktober 2013

Ein-Bildung

Manche Menschen halten sich
für sehr gebildet, obwohl sie
mit ihrem Nichtwissen
dicke Bücher füllen könnten.

Sie äußern sich ungeniert
zu jedem Thema,
und das gänzlich frei
von jeglicherSubstanz
und unbeleckt von Tiefgang.

Und sie glauben allen Ernstes,
die Welt habe
auf ihre Meinung gewartet
und müsse sich gefälligst
in Demut und Dankbarkeit
vor ihnen und ihrer Weisheit verneigen.

In Wirklichkeit sind diejenigen,
die still und zurückhaltend
am Rande stehen,
oft die Klügeren
und wirklich gebildeten.

Sie wissen um ihre Begrenztheit
und kennen die Lücken in ihrem Wissen.
Und wirkliche Bildung zeigt sich
im Schweigen zum richtigen Moment.

Freitag, 27. September 2013

Gegen die Stille

Ich schreibe
gegen das Vergessen an
und gegen das Verstummen
meiner eigenen Stimme.

Ich schreibe
gegen meine Einsamkeit
in der ich immer wieder
zu versinken drohe
und gegen die Sprachlosigkeit
an der ich zu oft leide.

Denn meine Sprache, meine Stimme
ist das was bleibt,
wenn alles andere
zu entschwinden scheint
und nur die große, dunkele Leere
mir Gesellschaft leistet.

Und oft genug
muss ich dagegen ankämpfen
nicht in völliger Stille
zu versinken...



Mittwoch, 25. September 2013

Zum Schweigen verurteilt?

Ich habe es geahnt und auch gefürchtet: Wir Psychos finden kein Gehör! Mein Pamphlet zum Thema Inklusion hat keinerlei Echo ausgelöst und ist von allen, die es bekommen haben, totgeschwiegen worden.
Woran liegt das? War ich vielleicht zu naiv, als ich dachte, dass ich als Einzelperson Institutionen mit meinen Gedanken zum Nachdenken bringen könnte? War mein Duktus zu polemisch und unausgereift, sodass meine Gedanken und meine Intention nicht zur Geltung gekommen sind? Oder ist es einfach das Desinteresse der Institutionen gegenüber Menschen mit einer psychischen Erkrankung, die sich aus ihrer Sicht gefälligst aus der Politik und dem gesellschaftlichen Engagement rauszuhalten haben?
Auf jeden Fall ist es verletzend und ungeheuer frustrierend, wenn selbst Wohlfahrtsverbände und gemeinnützige Vereine mit dem Schwerpunkt Politische Behindertenarbeit es nicht für nötig erachten, sich mit den Gedanken und Ideen der eigentlich Betroffenen im offenen Dialog auseinanderzusetzen und es statt dessen vorziehen, über diese Menschen zu sprechen und zu urteilen.
Bin ich dazu verurteilt, als Teil einer zum Schweigen verdammten Minderheit tatenlos dabei zuzusehen, wie unsere Bedürfnisse und berechtigten Anliegen einfach ignoriert und beiseite geschoben werden? Sind wir tatsächlich so unbedeutend und für unsere ach so tolerante Gesellschaft so unwichtig, dass man uns eine Stimme und Gehör verweigern kann?
Ich bin mir noch nicht sicher, welche Lehren ich aus diesen fehlenden Reaktionen und der daraus sprechenden Ignoranz zu ziehen habe. Aber ich weiß, dass ich es nicht tatenlos hinnehmen werde!


Dienstag, 17. September 2013

Am Abgrund

Machmal werde ich zum Abgrund getrieben-
werde von ihm magisch angezogen
und kann mich seiner nicht erwehren.

Ich blicke hinab in den schwarzdunklen Strudel
in dem sich Vergangenes und Gegenwärtiges
auf grausame Weise mischen
und Angst und Verzweifelung dampfen empor
und nehmen mir die Sicht.

Dann möchte ich mich aus vollem Herzen
ganz diesem Sog hingeben, ganz hineintauchen
und mich dem Vergessen hingeben.

Nie mehr Gedanken zum Warum und zum Wohin,
nie mehr der üble Geruch der Verzweifelung und des Versagens.
Nur noch vergessenmachende Dunkelheit,
ohne Schuld und Vorwurf.

Und doch zieht mich eine unsichtbare Hand zurück-
sie zwingt meinen Blick zurück ins Leben
und auf das Schöne, Hoffnungsvolle,
das sich dort im Kleinen versteckt hält.

Wider Erwarten fasse ich neuen Mut,
sehe die Sonne wieder, spüre ihre Wärme
und fasse den Entschluss: Weiterleben!

Montag, 16. September 2013

Unsichtbar

Manchmal fühle ich mich wie ein Nichts-
umgeben vom unsichtbaren Panzerglas der Einsamkeit.
Ich schreie voller Wut und Traurigkeit- will gehört werden-
ich hämmere wie wild gegen gegen das Glas
und werde nicht einmal gesehen.

Ich bin unsichtbar
und die Welt hat nicht auf mich gewartet.
Sie nimmt mich nicht wahr
und warum sollte sie auch?

Das was ich zu sagen hätte,
ist es wert, gehört zu werden?
Oder ist es nur das belanglose, unverständliche Gemurmel
eines Vereinsamten?

Sind meine Gedanken zu speziell
und untauglich für die harte Wirklichkeit?
Und habe ich in all den Jahren
zu sehr in meiner eigenen Welt gelebt?

Der Umgang mit anderen Menschen
bereitet mir Schwierigkeiten.
Das ist keine Rechtfertigung oder Entschuldigung
sondern nüchterne Zustandsbeschreibung.

Viele Menschen habe ich vergrault
mit meinem Anderssein,
meinem fehlenden Angepaßtsein.
Also ist es vielleicht besser
Unsichtbar zu sein...






Samstag, 7. September 2013

Wer wir sind

Wir sind die Unsichtbaren, Unauffälligen,
die kaum beachtet, weil nicht interessant,
ihr Dasein fristen.

Wir sind die unauffällig Zornigen,
die unsichtbar Traurigen,
von den meisten ignoriert,
oder sogar im Stillen gefürchtet,
weil wir anders sind.

Wir sind die zornig Unangepassten,
denen ihr einen Platz in eurer Welt,
ihren sicheren Ort verweigert,
weil wir nicht so sind wir ihr
und uns weigern, das Anderssein
aus Bequemlichkeit aufzugeben.

Wir sind die - aus eurer Sicht-
unangepasst Unanständigen,
die ihr beugen, aber nicht brechen könnt
und die sich mit gewissem Stolz
eurer Konformität verweigern.

Wir sind die, die wir sind,
anders, unbequem und isoliert.
Aber wir sind da
und wollen und werden
gehört werden.






Dienstag, 27. August 2013

Naivität

Bin ich naiv,
wenn ich
den Sozialstaat beim Wort nehme
und fordere, dass die Bedürftigen,
Kranken und Schwachen
mit Würde, Augenmaß und
ohne Diskriminierung behandelt werden?

Bin ich naiv,
wenn ich
von der Politik statt
Arroganz und Weltfremdheit
gesunden Menschenverstand,
Gerechtigkeit, Ehrlichkeit
und klare Worte erwarte?

Bin ich naiv,
wenn ich
mir wünsche, auch als Einzelner
Gehör zu finden, anstatt
anonym und in der breiten Masse
der Nicht-Relevanten unterzugehen?

Wenn das so ist,
dann ist auch
Naivität ein Ehrentitel!


Dienstag, 20. August 2013

Gedanken zur Inklusionsdebatte

Update: Am 08.10. habe ich eine erste, positive Rückmeldung zu meiner Denkschrift erhalten. Die Behindertenbeauftragte der Stadt Dortmund und Geschäftsführerin des Behindertenpolitischen Netzwerkes Dortmund, Frau Vollmer hat mir eine Mail geschreiben, die ich hier im Wortlaut weitergebe:

"Guten Morgen, Herr Neuhoff, gestern hat sich der Vorstand des Behindertenpolitischen Netzwerks zum zweiten Mal mit Ihrer Denkschrift zum Stand der Inklusion psychisch kranker Menschen beschäftigt. Ihre Analyse der Lebenssituation älterer psychisch kranker Menschen wird dabei zum Teil geteilt, zum Teil aber auch anders gesehen. Der Vorstand des Behindertenpolitischen Netzwerks hat mich gebeten, Sie auf den laufenden Prozess zur Inklusion in Dortmund aufmerksam zu machen und Sie zu bitten, sich in diesen Prozess einzubringen. Der Rat der Stadt Dortmund wird in seiner Sitzung am 12.12. 13 voraussichtlich den Dialog mit den Dortmunderinnen und Dortmundern über die nächsten Schritte zu Inklusion in den Jahren 2014 bis 2020 über alle Lebensbereiche und für alle Bevölkerungsgruppen eröffnen. Daran beteiligt werden - wie auch von Ihnen vorgeschlagen - Sozial- und Wohlfahrtsverbände, Trägervereine des Betreuten Wohnens und andere ambulanter psycho-sozialer Dienste, Verantwortliche aus der Politik und Betroffene.

Mit freundlichen Grüßen Christiane Vollmer"


Update: Mit einem Begleitscheiben habe ich heute meine Denkschrift an insgesamt zehn wichtige Vertreter aus Politik, Verwaltung und psycho-sozialen Diensten gschickt. Bitte drückt mir die Daumen, dass damit eine Diskussion zu diesem kontroversen Thema angestoßen wird!

Hier ist der Brief im Wortlaut:



Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie alle sind auf die unterschiedlichste Weise mit dem Leben psychisch kranker Menschen befasst; sei es auf politischer und verwaltender Ebene, im ehrenamtlichen Engagement oder durch Ihre Tätigkeit in der psycho-sozialen Betreuung. Auch das Thema Inklusion auf Grundlage der UN-Behindertenrechtskonvention sollte Ihnen vertraut sein, ebenso wie die Tatsache, dass hier vieles im Argen liegt und dringend auf Beachtung und Umsetzung wartet.

Ich selber habe als Betroffener etwas zwanzig Jahre lang die Unzulänglichkeiten, Vorurteile und die fehlende Flexibilität von Psychiatrie und den aus meiner Sicht eher ausgrenzenden psycho-sozialen Hilfeeinrichtungen erlebt und vermisse nach wie vor eine offene und kreative Debatte über die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention gerade bei älteren psychisch Erkrankten.

Es fehlt offensichtlich in allen Bereichen an politischem Willen, Bereitschaft und an Ideen, sich dieses zugegebenermaßen komplexen Themas ernsthaft anzunehmen. Aus diesem Anlass habe ich mir die Zeit genommen, zu diesem Thema eine Denkschrift zu verfassen, mit dem Ziel, diese längst überfällige Debatte in Gang zu bringen und Sie alle aufzufordern, Ihre Erfahrung und Ihre Kompetenzen mit einzubringen.

Bitte nehmen Sie sich die Zeit, meine Denkschrift ernsthaft zu lesen und sich damit auseinander zu setzen. Nur so und im Dialog mit uns Betroffenen kann es Veränderung geben, die eine wirkliche und dringend erforderliche Integration psychisch kranker Menschen voranbringt.


Mit freundlichen Grüßen
 



Hier die aktualisierte und vollständige Version meiner Denkschrift:



Denkschrift zum gegenwärtigen Stand von Inklusion und Integration bei älteren psychisch kranken Menschen

 Seit 2008 hat die UN- Behindertenrechtskonvention in Deutschland Gesetzeskraft und steht damit auf einer Stufe mit dem Grundgesetz und der UN Menschenrechtskonvention. Ihre erklärten Ziele sind sowohl die vollständige und selbstverständliche Integration auch von psychisch behinderten Menschen in alle Bereiche des wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Miteinander der Gesellschaft, als auch die unmissverständliche Festschreibung des elementaren Grundrechts aller behinderter Menschen auf Inklusion und Integration in die Gesellschaft.

Die Bilanz nach nunmehr fünf Jahren fällt allerdings eher mager aus: So wichtig die Integration in Kindergärten und Schulen auch sein mag, so stellen die bisherige Fixierung auf ausschließlich dieses Klientel und die damit einhergehende weitgehende Exklusion älterer Menschen mit psychischer Behinderung eine gravierende und beschämende Ungerechtigkeit dar. Ein wichtiger Punkt ist hierbei auch das völlig unrealistische und unflexibele Beharren auf der vollen Arbeitsfähigkeit (Achtstundentag) der Behinderten als Grundvoraussetzung für eine staatliche Förderung, beziehungsweise eine geförderte Teilhabe am Arbeitsleben. Nicht jeder Mensch ist aufgrund seiner Behinderung vollumfänglich belastbar, aber trotzdem durchaus willens und motiviert, seinen Interessen und Fähigkeiten entsprechend am Arbeitsleben teilzunehmen und seinen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.

Jungen Menschen bis etwas Mitte Dreißig mit einer psychischen Erkrankung stehen eine ganze Reihe von Hilfsangeboten zur Verfügung, um ihnen trotz ihrer Einschränkungen einen möglichst optimalen Start ins Berufsleben, und damit eine vollständige Teilhabe am sozio-kulturellen Leben zu ermöglichen. Ein relativ engmaschiges Netz aus Beruflichen Trainingszentren, Berufsbildungs- und Förderungswerken in Trägerschaft von Rentenversicherung, Bundesagentur für Arbeit und anderen, karitativen Organisationen, steht zur Förderung bereit.

Ganz anders sieht es für erkrankte Menschen im mittleren Lebensalter aus und hier beginnt die zweifache Diskriminierung: Einerseits werden uns aufgrund unseres Alters Qualifizierungsmaßnahmen und Hilfen zur Teilhabe konsequent verweigert, obwohl wir mit beispielsweise Mitte Vierzig noch immer etliche produktive Jahre vor uns haben, und andererseits ist eine psychische Erkrankung noch immer Grund genug für eine generelle und vor allem unsachliche Skepsis gegenüber der Motivation, der Leistungsfähigkeit und den kognitiven Fähigkeiten der Erkrankten.

Leider ist es eine Tatsache, dass wir psychisch Kranken tagtäglich mit Ausgrenzung, Willkür und Diskriminierung- insbesondere durch Ämter und Behörden- aber auch in betreuenden Einrichtungen- konfrontiert sind und mit unserem Leiden und unserer krankheitsbedingten Einsamkeit häufig allein gelassen werden. Zwar gibt es in Deutschland zahlreiche psycho-soziale Betreuungs- und Hilfsangebote, wie Tagesstätten, Kontaktklubs, ambulant Betreutes Wohnen und Behindertenwerkstätten; allerdings greifen diese Angebote in vielen Fällen zu kurz und haben einen entscheidenden Makel: Sie stehen allein schon durch ihren therapeutischen Ansatz der Idee von vollständiger Integration, Inklusion und Teilhabe diametral gegenüber.

Zwar hat sich seit der Psychiatriereform in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts vieles zum Positiven gewandelt: Psychisch Kranke werden nicht mehr länger nur verwahrt, durch Medikamente ruhig gestellt und pauschal als Verrückt abgestempelt, sondern man hat erkannt, dass sich durch eine ambulante Versorgung und Betreuung die Häufigkeit der Aufenthalte in der Psychiatrie reduzieren lässt. Diese Grundidee ist vom Ansatz her sehr zu begrüßen, allerdings hat auch sie ihre eklatanten Schwächen: An die Stelle der oft jahrelangen Unterbringung in der Psychiatrie sind die „Verwahrung“ in ambulanten Betreuungseinrichtungen und das Betreute Wohnen getreten. Die Beschäftigung der Patienten/Klienten ist dabei weitgehend gleich geblieben: Das Nonplusultra ist nach wie vor eine aus Therapeutensicht „sinnvollen Tagesstruktur“ mit Ergotherapie, Förderung der Kreativität und Freizeitaktivitäten unter Gleichen mit ähnlicher Krankheits- und Therapiegeschichte, als dürftiger Ersatz für eine sinnstiftende, selbstbestimmte und erfüllende Tätigkeit im Berufsleben.

Der aus meiner Sicht und langjährigen Erfahrung als Betroffener resultierende  systemimmanente Fehler dieses Betreuungskonzeptes besteht darin, dass es der Erschaffung und dauerhaften Stärkung eines eigenen positiven Selbstbildes und dem selbstverständlich berechtigten Verlangen  nach Lebensnormalität und gesellschaftlicher Akzeptanz sehr abträglich ist, jeden Tag unter der therapeutischen Käseglocke einer „beschützenden Einrichtung“ mit anderen, in ihrer Eigenständigkeit und Lebensführung beeinträchtigten Menschen zu verbringen. Das häufig vollständige Fehlen gesunder und selbstbestimmter Lebensperspektiven, sowie der oft fehlende Kontakt zu „normalen“ und gesunden Menschen in der Arbeitswelt und das nicht Vorhandensein damit einhergehender Erfolgserlebnisse schwächen das eigene Selbstwertgefühl gravierend und stärken stattdessen den Blick auf das eigene Unvermögen und das im Leben Gescheitertsein.

Integration und Inklusion müssen von Politik und der Gesellschaft tatsächlich gewollt sein, damit es nicht bei wohlfeilen und publikumswirksamen Absichtserklärungen bleibt. Leider sind die bisherigen Versuche in Kindergärten und im schulischen Bereich wohl mehr der Medienwirksamkeit und blindem Aktionismus geschuldet, als dem wesentlich aufwendigeren, tatsächlichen und ernsthaften Bemühen, alle Betroffenen mit einzubeziehen und zielführende Projekte auf den Weg zu bringen.

Was fehlt, sind innovative und tragfähige Ideen, wie wir älteren psychisch behinderten Menschen tatsächlich in ein selbstbestimmtes und in die Gesellschaft voll integriertes Sozial- und Berufsleben begleitet werden können, gerade auch dann, wenn biografisch und krankheitsbedingt formale Qualifikationen und eine „normale“ Belastbarkeit für eine Berufstätigkeit fehlen. Die bereits erwähnten Insellösungen, wie Behindertenwerkstätten und andere „tagesstrukturierende Maßnahmen“ sind hierzu denkbar ungeeignet, widersprechen dem Tenor der Behindertenrechtskonvention und sind hiermit aus meiner Sicht im eigentlichen Sinn sogar gesetzeswidrig.

Es wäre wünschenswert, dass Sozial- und Wohlfahrtsverbände, Trägervereine des Betreuten Wohnens und andere ambulanter psycho-sozialer Dienste, Verantwortliche aus der Politik und Betroffene gemeinsam und auf Augenhöhe in ergebnisoffenem Austausch nach neuen und gangbaren Wegen zur vollständigen Inklusion suchen und die immens wichtige und bisher vernachlässigte Diskussion dieses Themas neu in Gang bringen.

Montag, 19. August 2013

Mehr Toleranz

Wir haben ein Problem mit dem "Anderssein".
Abweichende Hautfarbe, Sprache, Kultur und Behinderung- eben alles was von unseren über die Jahrhunderte gewachsenen Normen und Vorstellungen der "Normalität" abweicht, wird kritisch bis zynisch beäugt, bestenfalls bestaunt und kategorisch abgelehnt.
Die UN Menschenrechts- und Behindertenrechtskonvention sprechen eine klare und unmissverständliche Sprache: Die Ausgrenzung und Diskriminierung fremder und benachteiligter Menschen ist weder zeitgemäß noch berechtigt. Statt Ausgrenzung und Isolation der "Anderen" geht es um Integration und Inklusion (also Einbeziehung) aller Menschen in das politische, wirtschaftliche und sozio-kulturelle Miteinander.
Es bedarf nur geringer Vorstellungskraft um sich zu vergegenwärtigen, man selber wäre in der Position des Ausgegrenzten und Diskriminierten und würde insbesondere emotional das durchmachen, was sie tagtäglich erleben und erleiden müssen.
Insbesondere staatlich beaufsichtigten Institutionen wie Ämtern und Behörden kommt hier eine besondere Vorbildfunktion und Verantwortung zu, denn schließlich sind beide Konventionen von der gewählten Regierung unseres Landes unterschrieben und vom gewählten Parlament mehrheitlich ratifiziert, also in Kraft gesetzt worden. Es liegt also auch in staatlicher Hand, mit wieviel Engagement und politischem Willen diese Konventionen umgesetzt werden, und wieviel Beachtung sie in der Öffentlichkeit finden. Publikumswirksame Statements in die Kamera gesprochen, und medial begleitete Eröffnungen von integrativen Kindergärten oder Schulen reichen da längst nicht aus, um eine tiefenwirksame und andauernde Veränderung im Miteinander von unterschiedlichen und verschieden begabten Menschen zu erreichen. Ich glaube, ich habe da eine Aufgabe gefunden...

Samstag, 17. August 2013

Gegen die Wand

Habe mein Leben zu oft
gegen die Wand gefahren-
unzählige Chancen
ungenutzt verstreichen lassen...

Depressiv zu sein ist scheiße.
Ich darf das sagen, denn schließlich
verwehren Depressionen mir
seit über dreißig Jahren
ein wirklich freies Leben.

Sie ketten mich an Beschränkung
und begleiten hämisch grinsend
mein alltäglich gewordenes Scheitern.

Immer wieder stoßen sie mich
in den Abgrund dunkelster Momente
und zeigen mir im Spiegel der Vergangenheit
meine hässlichste Fratze des permanenten Versagens.

Scheitern als Lebensinhalt-
eine ständige Verneinung von Lebensmut
und das kräftezehrende Lauern
auf den nächsten Schlag mitten ins Gesicht...

Ich habe kein Problem damit, allein zu sein.
Denn schließlich kenne ich
von Anfang an nichts anderes und
die Gewohnheit der Selbstgespräche
hat schon längst ihren Schrecken verloren.

Und doch ist da
dieser kleine, flackernde Funke
schüchternen Lebensmutes,
der mich davon abhält,
mir die Knarre in den Mund zu stecken
und einfach abzudrücken...

Sonntag, 11. August 2013

Düsternis

In der eigenen Dunkelheit- Verelendung der Seele.
Kein Tageslicht, nur Düsternis und
felsbrockenschwere Relikte der Vergangenheit.
Erinnerungen überfluten unaufhaltsam das Reservoir des Positiven-
kein Platz mehr für das Gute.

Es ist scheißegal, wie man es nennt,
denn Depression ist nur ein fehlerhafter Name
für Unaussprechliches, Nichtbeschreibbares
und namenloses Grauen aus den eigenen Abgründen.

Das eigene Bild ist zum Zerrbild mutiert.
Keine Hoffnung auf Veränderung und
auch keine Kraft, ein Ende zu setzten.

"Das wird schon wieder" ist ein Totschlagargument
der Unwissenden, die ihre eigene Hölle nicht kennen
und sich trotzdem anmaßen, urteilen zu können.

Natürlich "wird es wieder"; aber weder gut noch schlecht,
sondern irgendwie, solange sich das Selbstbewusstsein
in die innere Emigration geflüchtet hat und sich nur manchmal
und von Jahrzehnten entmutigt, für einen kurzen Moment
schamhaft blicken lässt.

Was bleibt, ist der Moment, in dem sich
die Sprache wiederfindet und Worte sich formen lassen,
in der trügerischen Hoffnung,
sie könnten es leichter werden lassen...






Donnerstag, 1. August 2013

Blick in die Vergangenheit

Der Blick auf bestimmte Ereignisse in der eigenen Vergangenheit und ihre Einordnung oder Bewertung, sind sehr subjektiv und abhängig von dem Bild, das man von sich selber hat. Viele Menschen neigen dazu, die eigene Vergangenheit zu verklären und zu glorifizieren; insbesondere, wenn es sich um "Jugendsünden" wie Diebstahl, oder Alkohol- und Drogenexzesse handelt.

Im Rückblick werden solche Ereignisse oft verharmlosend zu Manifestationen der eigenen Rebellion gegen die Gesellschaft und das "Establishment" stilisiert und die Gefährlichkeit von Exzessen, die Amoralität von Diebstählen, werden bewusst heruntergespielt und verdrängt. Nie wieder in seinem Leben hat man sich so frei und unbeschwert gefühlt wie damals, als man sämtliche Wertmaßstäbe und ethischen Grundsätze mit spielerischer Leichtigkeit in Frage gestellt und außer Kraft gesetzt hat.

Meine eigene Biografie ist voll von derartigen Begebenheiten, bei denen andere Menschen durch mich ihrer zumindest seelischen Unversehrtheit beraubt worden sind und deren Leid für mich damals lediglich ein abstraktes Konstrukt war, mit dem ich mich nicht auseinandersetzten konnte und wollte. Viel zu sehr war ich mit dem Austesten meiner eigenen Grenzen und der Toleranz Anderer beschäftigt, als das ich soetwas wie Mitgefühl, oder gar Schuld und Scham hätte empfinden können. Damals ahnte ich noch nicht, dass meine fehlende Empathie und mein Bedürfnis, der Gesellschaft im Allgemeinen den Mittelfinger zu zeigen, irgendwann als seelische Erkrankung diagnostiziert werden würde, die ihren Ursprung in einer ziemlich traumatischen Kindheit und Jugend hat.

Viele Menschen sind nicht einmal ansatzweise in der Lage sich vorzustellen, was frühkindliche und in der Jugendzeit erlittene Traumata anzurichten vermögen und welche Sprengkraft sie im späteren Leben entwickeln können. Sie halten eine "schwere Kindheit" für vorgeschoben, um Gewaltexzesse und andere Straftaten zu verharmlosen oder gar zu entschuldigen. Dabei geht es- von einigen unrühmlichen Ausnahmen einmal abgesehen- weder um Verharmlosung noch um Entschuldigung, sondern darum, welch verheerenden Schaden traumatische Erlebnisse anrichten können, wenn sie nicht frühzeitig erkannt werden.

Im Rückblick erscheint mir vieles von dem was passiert ist, wie eine wütende und unkontrollierbare Naturgewalt, die ich nicht beherrschen konnte und der ich als Täter selber hilflos ausgeliefert war. Vielleicht macht mich diese Erkenntnis auch immun gegenüber dem nostalgisch verklärten Blick in die so oft postulierte "Sturm und Drang Zeit", in der alles erlaubt und ein Zeichen von berechtigter Rebellion war. Meine Vergangenheit sehe ich als mein persönliches Mahnmal dafür an, alles zu tun, um nie wieder in solche Ausnahmesituationen zu gelangen.

Dienstag, 30. Juli 2013

Kampf mit der Sprache

Manchmal ringe ich mit der Sprache-
stolpere über Worte, versuche,
ihren Sinn zu erfassen und merke,
dass sie mir entgleiten.

Manchmal ist mir die Sprache
ein Buch mit sieben Siegeln-
ich reihe Worte aneinander,
die mir im Nachgang hohl
und nichtssagend erscheinen
und deren wahrer Sinn
sich mir verweigert.

Ich bilde mir ein,
mit Sprache umgehen zu können,
ihre Feinheiten und Nuancen zu kennen-
im Wortsinn sprachgewandt zu sein und doch
fühle ich mich unbeholfen, unzureichend
und kratze nur an ihrer Oberfläche.

Sie entzieht sich mir
wie eine unwillige Geliebte
und gibt mir, wenn ich Feinheit brauche,
nur grobes Geröll.

Ich will erzählen
und schaffe nur Fragmente
ohne Resonanzboden
und ohne räumliche Wirkung.

Sprachlosigkeit war lange
mein Lebenshindernis, das mich
von der Welt isoliert hielt-
im entscheidenden Moment
fehlten immer die Worte.

Und nur langsam taste ich mich wieder
ohne großes Vertrauen an sie heran,
zögerlich und vielleicht
ein wenig ängstlich, aber beseelt
vom Wunsch nach Geborgenheit in ihr.

Sonntag, 21. Juli 2013

Objektivität

Ich weigere mich, objektiv zu sein!
Wo kämen wir hin, wenn wir
alle Menschenrechtsverletzungen,
Demütigungen,
Diskriminierungen und
Beleidigungen
erst mühsam und vorsichtig
in den biografisch-historischen Kontext
der Täter und Verursacher kleiden würden?

Alles lässt sich entschuldigen und relativieren,
sozialpädagogisch verbrämen,
gutmenschlich erklären
und so in Distanz bringen.

Aber die Wut des Verletzten
und Gedemütigten
wird so verspottet und kleingeredet
und der Satz: "Sei doch bitte objektiv!"
wird zur schallenden Ohrfeige...

Dienstag, 16. Juli 2013

Hinter der Maske

Hinter der Maske von Wohlanständigkeit
und Angepasstsein brodelt oft
ein Abgrund von Furcht und Verachtung
gegenüber allem und allen,
die unangepasst und anders sind.

Das alte, faschistoide Gedankengut
vom lebensunwerten Leben
ist noch lange nicht tot,
es versteckt sich nur hinter
Unverständnis, Gleichgültigkeit
und Intoleranz.

Wieviele Menschen zucken
noch immer zusammen, wenn sie
die Worte "Krank" oder "Behindert" hören,
oder auf Menschen stoßen, die genau
diese Begrifflichkeiten verkörpern?

Vieles verbirgt sich
hinter scheinheiligem Getue
oder vorgeschobenem Zeitmangel.
Gern genommen wird auch
ein breites Lächeln,
um den Stoß in den Rücken des Anderen
zu verschleiern.

Manchmal
kann ich garnicht soviel essen,
wie ich kotzen möchte...


Samstag, 13. Juli 2013

(K)ein Lamento

Es nervt, wenn bestimmte Menschen
ihr Sich-Schlecht- Fühlen demonstrativ
und übertrieben feierlich,
wie eine Monstranz,vor sich hertragen.

Sie heischen nach Aufmerksamkeit,
die ihnen ohne die Theatralik ihrer
ach so tiefen Depression nie zuteil würde 
und reagieren empfindlich,
wenn man sie demaskiert.

Voller Stolz verweisen sie
auf ihr Scheitern an der Gesellschaft,
sehen sich als heimliche Rebellen
und die einzig wahren Gesellschaftskritiker.

Sie haben damit abgeschlossen,
sich mit der Welt
und mit sich auseinanderzusetzten,
das eigene Tun und Sein
kritisch zu hinterfragen
und zu reflektieren.

Sie verweigern sich jeder Veränderung
aus Angst, sie könnten aus der Rolle fallen,
die sie so sorgsam eingeübt haben.

So wird Krankheit zur Rechtfertigung
für alles, was aus Bequemlichkeit verneint wird
und zum Schlag ins Gesicht für die,
die den Kampf um ihre Existenz
noch nicht aufgegeben haben.


Sonntag, 7. Juli 2013

Fieberwahn

Im Fieberwahn
laufen Gedanken quer durchs Hirn-
ohne Sinn und Ordnung-
werden zu wirren Bildern,
die aufsteigen und wieder verschwinden.

Surreale stolpern durchs Bild,
willkommen geheißen
vom umnebelten Verstand,
ziehen klebrige Fäden des Absurden
und im Moment doch
völlig Schlüssig erscheinenden
hinter sich her...

Ich versuche zu schlafen
und bin doch zu fasziniert
vom völlig Verqueren,
das meinen Verstand okkupiert.

Versuche, dem Irrsinn zu folgen,
der sich dann plötzlich irgendwo verliert
nur um von Neuem
und von irgendwo her
wieder aufzutauchen.

Es entstehen Worte
die garkeine sind
und trotzdem faszinieren
und ihre eigene Logik entwickeln...

Und der noch wache Teil
meines Verstandes versucht,
sich gegen den Irrsinn zu wehren
und bildet verzweifelt sinnvolle Worte,
die ungehört verhallen.

Trotzdem hat es etwas Wohltuendes,
wenn der Verstand einfach
in Zwangsurlaub geschickt wird
und die Freien Radikalen
in meinem Gehirn
ihre Anarchie zelebrieren.


Montag, 1. Juli 2013

Gegen die Hybris der Geheimdienste

Die jüngsten politischen Ereignisse im Zusammenhang mit den aufgedeckten Abhörskandalen seitens der Briten und Amerikaner machen Eines deutlich: Demokratie und Menschenrechte sind in ernsthafter Gefahr!
Wenn völlig enthemmte Geheimdienstmitarbeiter wahllos die elektronische Kommunikation von Millionen Menschen ausspionieren und sich dabei als Hüter von Demokratie und Freiheit gerieren, dann zeugt dies von einer unglaublichen Hybris und dem Bewusstsein, außerhalb von Recht und Gesetz zu stehen. Das immer wieder vorgebrachte Totschlagargument, wer nichts zu verbergen habe, der hat auch nichts zu befürchten, ist an Zynismus und Menschenverachtung nicht mehr zu überbieten, denn hier geht es nicht darum, etwas zu verbergen, sondern um die willentliche und rechtswidrigeVerletzung von verbrieften Grundrechten wie dem Post- und Fernmeldegeheimniss und der Privatsphäre freier und selbstbestimmter Menschen.
Gerade Deutschland sollte im Hinblick auf seine jüngste Vergangenheit, in der Menschenrechte und Pressefreiheit vehement mit Füssen getreten wurden, ganz besonders sensibel bei der Wahrung von Demokratie und Freiheit sein, denn die sechzig Jahre seit Ende des NS- Regiems sind eine kurze Zeitspanne, und die allmähliche Aushöhlung demokratischer Grundwerte kann schnell zu einem Rückfall in diktatorische und menschenverachtende Strukturen führen, wie beispielsweise in Russland und Ungarn.
Geheimdienste sind per se Demokratiefeindlich und verweigern sich seit ihrem Bestehen konsequent jeglicher wirksamen parlamentarischen Kontrolle. Die amerikanischen Dienste CIA, NSA, ihre britischen Schwesterdienste und auch die deutschen "Sicherheitsbehörden" sind schon längst zum Staat im Staat geworden, führen ein beängstigendes Eigenleben und betrachten jegliche Form von Kontrolle oder gar Kritik als Angriff auf ihr Selbstverständnis und ihre vermeintlich staatstragende Funktion. Offen zutage getreten ist dies jüngst bei dem Versuch, die Verbrechen des NSU parlamentarisch zu untersuchen: Dort wurde gelogen und vertuscht, Akten wurden geschreddert und niemand war bereit, Verantwortung zu übernehmen, oder gar Fehler einzuräumen.
Was bleibt zu tun? Wehren wir uns mit den Mitteln der Demokratie und zwingen die Verantwortlichen, diesen unsäglichen Missbrauch von korrumpierter Macht zu beenden!


Sonntag, 23. Juni 2013

Sprachverwirrung

Versteckspielen mit der Sprache-
Nebelgranaten aus Worten,
die mehr verbergen als enthüllen...

Schutzwälle aus Worthülsen
werden zu undurchdringlichem
Sprachdikicht...
Schutzbehauptungen
Lügengeflechte
Sprechdurchfall...

Wir werden zugeschissen
mit Nichtssagendem und
nur scheinbar bedeutungsschwerem Müll.

Man kann sich wunderbar
hinter Sprache verstecken,
die eigene Identität verbergen,
aus Angst verbale Attacken reiten.
Vortäuschen, man habe etwas zu sagen,
um sich nicht als Sprachlos zu entblößen.

Für Unbedarfte
ist Schweigen nur schwer auszuhalten;
es kann aber auch zur Folter werden,
wenn Wichtiges zu sagen wäre
und gezielt ver-schwiegen wird.

Wir haben es in der Hand.




Samstag, 22. Juni 2013

Einig gegen Recht und Freiheit

Wie eine Reliquie werden Begriffe wie Menschenrechte und Rechtsstaat von Politikern feierlich hochgehalten. Und ähnlich wie bei kirchlichen Reliquien wird der eher dürftige Inhalt durch eine prachtvolle Umhüllung verdeckt und verschleiert. Die Menschen werden davon geblendet, stehen staunend und mit offenen Mündern davor und sind glücklich, etwas so wertvolles und prächtiges gesehen zu haben- ohne zu bemerken, wie falsch und hohl der Inhalt in Wirklichkeit ist.
Natürlich leben wir in einer Demokratie, die uns per Verfassung gewisse Rechte und Freiheiten garantiert. Aber wie kann es dann sein, dass eben diese Rechte von staatstragenden Personen und Institutionen immer wieder so verachtungsvoll und zynisch mit Füßen getreten werden?
In Hessen wurden vor ein paar Jahren zu erfolgreiche Steuerfahnder mit falschen psychiatrischen Gutachten aus dem Dienst entfernt, ohne das die politisch Verantwortlichen bis heute zur Verantwortung gezogen wurden.
Ebenfalls in Hessen wurden vor Kurzem zurecht empörte Demonstranten auf brutalste Weise daran gehindert, ihr Demonstrationsrecht auszuüben; sie wurden von der Staatsmacht niedergeknüppelt, eingekesselt und es mehren sich die Hinweise, dass dieses Vorgehen von ganz oben angeordnet, oder zumindest abgesegnet war.
In Bayern sitzt ein vermutlich Unschuldiger seit sieben Jahren in der geschlossenen Psychiatrie, weil er korrupte und kriminelle Machenschaften aufgedeckt hat, die bis in die höchsten Kreise von Wirtschaft, Politik und Justiz reichen. Und nur, weil der Druck der Öffentlichkeit auf die Verantwortlichen nicht mehr zu leugnen ist und einige mutige Journalisten darüber engagiert und unabhängig berichten, kommt allmählich Bewegung in die ganze Sache.
In Sachsen versuchen Justiz und Polizei, einen engagierten Demokraten und Jugendpfarrer mit Lügen und falschen Behauptungen hinter Gitter zu bringen, weil er sich vehement gegen rechtes Gedankengut und antidemokratische Auswüchse positioniert hat.
Unsere Bundeskanzlerin spricht ungeniert von "Marktkonformer Demokratie", unser Finanzminister war in eine Schwarzgeldaffaire verstrickt und in Behörden wird tagtäglich das Recht gebeugt, wenn es darum geht, Bedürftigen das Leben schwer zu machen und ihnen das vorzuenthalten, was ihnen nach Recht und Gesetz zusteht.
Währenddessen gehen in Brasilien und in der Türkei Zehntausende auf die Straße und demonstrieren mutig und von Polizei und Regierung kriminalisiert, diffamiert und niedergeknüppelt, gegen Korruption und staatliche Willkür. Und wir sitzen fasziniert vor dem Fernseher und verfolgen das Geschehen, während unsere Volksvertreter ihre Gesichter in jede Kamera halten und sich zutiefst empört über die dortigen Geschehnisse und Menschenrechtsverletzungen geben.
Diese Beispiele von Machtmissbrauch und geduldeter Rechtswidrigkeit ließen sich beliebig fortschreiben, denn tagtäglich passieren in Deutschland nicht nur im Großen, sondern auch im Kleinen Dinge, die den Rechtsstaat allmählich von Innen aushöhlen und zur Farce werden lassen. Wann nehmen wir uns die Türkei und Brasilien endlich zum Vorbild?


Freitag, 14. Juni 2013

Fehlende Worte

Im Juli jährt sich der Todestag meines Vaters. Dieses Gedicht ist ihm gewidmet:

Ich habe dich geliebt,
auch wenn wir nie wirklich
zueinander gefunden haben.

Wir brauchten keine Sprache,
haben uns ohne sie verstanden
und trotzdem tat es oft weh,
keine Worte zu haben.

Erst sehr spät hatten wir
wirkliche Gespräche und haben
miteinander über uns gesprochen.
Aber selbst hierbei
fehlten uns die Worte.

Ich habe dich geliebt,
auch weil wir uns so ähnlich waren-
still, bescheiden und schüchtern.

Innere Emigration
war unser beider Stichwort,
wenn es um Liebe,
um Beziehung ging.

Waren beide überfordert,
wenn Gefühle uns übermannten.
Und doch habe ich bei dir
so manche Freudenträne gesehen.

Bevor du leise von uns gegangen bist,
hast du mich in den Arm genommen-
das erste und letzte Mal-
und hast mir damit
ein kostbares Geschenk gemacht,
das mir keiner nehmen kann.

Mittwoch, 12. Juni 2013

Psychokram

Manchmal hängt mir
der ganze Psychokram zum Hals raus...
Ich verfluche meine Beschränktheit
und sehne mich nach Weite
in meinen Gedanken
und meinem Gefühlsleben.

Fühle mich eingesperrt
in den festen Mauern meiner kranken Seele und
möchte ausbrechen, mich befreien
und stoße doch immer wieder schmerzhaft
an das mich Begrenzende.

Immer wieder wurde mir gesagt,
ich solle auf das Erreichte stolz sein
und die Politik der kleinen Schritte befolgen.
Aber lohnt es sich, meine Eigenständigkeit,
die mühselig erreichte Unabhängigkeit von
psychiatrischen Hilfesystemen
mit Stolz zu betrachten?

Ist es tatsächlich mein Verdienst,
nicht auf der Straße oder im Knast
gelandet zu sein?

Andere hatten nicht soviel Glück
und vegetieren in Unselbstständigkeit,
von Helfern und gesetzlichen Betreuern gepampert,
stumpf vor sich hin.
Man hat ihnen
ihren freien Willen abgesprochen
und ihre Menschenwürde
haben sie gegen umfassende Betreuung getauscht.

So betrachtet, habe ich Glück gehabt.
Auch ich hätte so enden können;
statt dessen lebe ich selbstbestimmt
und frei von Repressalien.
Also sollte ich vielleicht
aufhören zu jammern und das genießen,
was ich habe.






Dienstag, 11. Juni 2013

Konfliktstoff

Wenn zwei sich streiten,
freut sich der Dritte-
so lautet eine alte und zynische
Randbemerkung.

Aber in Wirklichkeit
tut es dem Dritten ebenso weh,
denn er sitzt zwischen den Stühlen,
kämpft mit alten Erinnerungen
und sehnt sich
nach einem sicheren Ort,
ohne Zwiespalt und Kampf.

Dabei ist es keine Frage
der Loyalität, sondern
nach verantwortungsvollem Miteinander
und Rücksichtnahme auf die,
die Konflikten hilflos ausgeliefert sind.

Sie werden später die tiefen Narben haben
und gestört im Umgang sein.
Und sie werden ihre eigenen Konflikte
entweder garnicht
oder auf extremere Weise austragen
weil sie es nicht anders gelernt haben.

Und den lachenden Dritten-
gibt es immer noch nicht...




Dienstag, 4. Juni 2013

Depression

Wie schwere Ketten im Nebel
legt sich die Depression auf die Seele-
bringt sie zum Erstarren und friert sie ein.

Keine Regung mehr ist möglich und
alles zieht an ihr vorbei.
Sie ist zum tatenlosen Zuschauen verdammt,
spürt nur grenzenlose Müdigkeit
ist ohne Hoffnung.

Die Ketten lasten schwer auf ihr
und der Nebel erschwert die Sicht.
Morgen, Übermorgen-
unendlich weit entfernt, unerreichbar.

Türklingel und Telefon
werden zu Totfeinden
und bei jedem Laut verflucht.

Nur die unendliche Stille ist erträglich.
Das Hineinlauschen in den eigenen Abgrund
versöhnt mit Unzulänglichkeiten
und der tiefempfundenen Schuld der Unvollkommenheit.

Und irgendwann tauchst du wieder auf und
hast das tiefe Tal
unversehens, unbemerkt durchschritten-
bist wieder da, ohne zu wissen, warum.

Montag, 27. Mai 2013

Enttäuschung

Enttäuschungen sind die Fächer
in der Schule des Lebens,
die am schwersten zu bewältigen-
und die härteste Prüfung sind.

Sie kommen oft
wie aus heiterem Himmel
und landen unvermittelt
eine gerade Rechte
mitten ins Gesicht.

Und der Schutzpanzer,
erschaffen und entstanden
aus ungezählten Narben
vorangegangener Enttäuschung,
legt wieder mal um Einiges zu.

Dann wirst du als unzugänglich
und als abweisend angesehen und kritisiert
und darfst dich als Krönung des Ganzen
dafür auch noch erklären.

Buddy Guy hat in einem seiner
wunderbaren Bluessongs
die passenden Worte dazu gefunden:
"Where's the next one coming from?"

Sonntag, 26. Mai 2013

Frauen-Versteher

Frauenversteher- oft mit verächtlichem Unterton
ausgesprochen
und zum Gespött machend...
Es ist nicht en vogue,
sein Gegenüber zu verstehen,
wenn es "nur" eine Frau ist
die in Vielem komplexer ist
als Mann es versteht und zulässt.

Ist es Angst vor dem Unbekannten, oder
sind wir nur zu einfach gestrickt?

Eigentlich gebieten es der Anstand, der Respekt
- Geschlechtsunabhängig-
sein Gegenüber zu verstehen,
zu erkennen
um auf einer Ebene
miteinander sein zu können.

Denn nichts ist
erfüllender als
wirkliche Kommunikation.



Freitag, 24. Mai 2013

Ain't Nothing But The Blues!

Ich bin ein musikalischer Spätentwickler. Zuhause gab es nur Klassik in allen Variationen- sogenannte "Unterhaltungsmusik", wie Jazz, Pop oder Rock- war verpönt und entsprach nicht unserem Standard als Bildungsbürger-Familie und Anthroposophen.
Nachdem ich mir sehr zum Missfallen meiner Mutter mit Vierzehn von meinem Konfirmationsgeld den ersten Radiorecorder gekauft hatte, tastete ich mich staunend vor in die Welt der anderen Musik: Begierig, staunend und zunächst sehr unkritisch saugte ich Sendungen wie "Mal Sondocks Hitparade" in mich hinein, und hörte das erste Mal mit größter Begeisterung Rock'n'Roll und Blues auf BFBS. Besuche in Berlin bei meinem großen Bruder taten ihr Übriges: Ich tauchte immer tiefer ein in die Musik von BB King, Champion Jack Dupree und anderer Bluesgrößen- ein neuer musikalischer Kosmos offenbarte sich mir.
Erst viele Jahre später (ich muss da so etwa Zwanzig gewesen sein) besuchte ich als Zivi mein erstes Livekonzert. Für fünf Mark Eintritt spielte in einer abgewrackten Kneipe irgendeine Bluescombo, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnere. Und gerade dieses Konzert war es, das mich musikalisch und in seiner gesamten Atmosphäre wie nie zuvor mitriss. Ich schüchterner Jüngling tanzte und sang mir die Seele aus dem Leib! So war dieses für mich legendäre Konzert die Initialzündung meiner lebenslangen Liebe zum Blues.
Viele Umwege (auch musikalisch) bin ich in meinem Leben gegangen, habe mich verirrt und doch immer wieder zurück zum Blues gefunden. Keine andere Musik berührt mich so im Allerinnersten: Diese einzigartige Mischung aus Verzweifelung, blankem Zynismus, purer Energie und Lebensfreude packt mich immer wieder und reißt mich aus dem tiefsten Loch. In keiner anderen Musik finde ich mich selber so erkannt und bis ins Innerste verstanden, wie im Blues. Es ist "meine" Musik!

Dienstag, 21. Mai 2013

Einsamkeit

Sie ist meine Vetraute-
kenne sie mein Leben lang
und bin
mit ihr aufgewachsen.

Niemand kennt mich
so gut wie sie.
Sanft umhüllt sie mich
und macht mich unsichtbar.

Wie eine Geliebte
teilt sie mit mir das Bett,
mein Leben,
von Früh bis Spät.

Schon längst vermag ich mir
ein Leben ohne sie
nicht mehr vorstellen.

Sie bietet mir Schutz
vor Fremden und
vor dem Unbekannten
und wartet schon auf mich
nach meinen Ausflügen
in das Leben da draußen.

Ich bin an sie gewöhnt
und doch nagt es an mir
sie nicht verlassen zu können.

Ich möchte frei sein von ihr
und nur wenige Augenblicke
selbst gewählt
mit ihr verbringen.

Denn wirklich frei entscheiden
konnte ich mich nie,
wurde nie gefragt,
ob ich sie um mich haben möchte.

Heimlich hat sich sich eingeschlichen
war eben so da...
Und ihre angenehmen Seiten
haben mich betört und
ihr gegenüber milde gestimmt.

Und nur in wenigen
wachen Augenblicken
war mir das Traurige
ihrer Anwesenheit wirklich bewußt.

Aber es wird stärker,
denn ich möchte mein Leben
nicht mit ihr beschließen...


Sonntag, 19. Mai 2013

Freundschaften- ein erklärender Versuch

Ich habe nicht viele Freunde. Das mag daran liegen, dass ich ein eher zürückgezogen lebender und introvertierter Mensch bin, aber auch daran, dass zuviele Menschen mich zu schnell emotional und in meinen Kräften überfordern. Allerdings habe ich es auch nie gelernt, mir Freunde zu machen. Schon als Kind bin ich in dem beschämenden Gefühl bestärkt worden und aufgewachsen, ein Aussenseiter zu sein, der nirgendwo hineinpasst, geschweigedenn willkommen ist. Das ist eine bis heute prägende Erfahrung, die noch immer nachwirkt.
Aber auch Depressionen machen einsam; das ist eine Binsenweisheit und trotzdem auf eine immer wieder schmerzliche Weise wahr. Denn gerne würde ich mehr Menschen um mich herum haben, mit denen ich mein und ihr Leben teilen kann: Eben Anteil- nehmen und -geben.
Umso wichtiger sind mir die Menschen, die ich nicht nur leichtfertig, sondern erst nach längerer Zeit und eher misstrauender Distanz meine Freunde nenne. Sie haben sich meine uneingeschränkte Sympathie, und damit auch meine volle Aufmerksamkeit verdient. Ich versuche, sie in ihrem Handeln und Denken ohne jeden Vorbehalt zu verstehen und anzunehmen, auch wenn zwischen ihnen und mir manchmal Welten liegen. Aber vielleicht macht diese Diskrepanz unsere Freundschaft auch erst interessant und fügt meiner Farbskala mir neue und unbekannte Nuancen hinzu.
Ohnehin bleibt mir die "Funktionsweise" von Freundschaften bis heute ein Rätsel. Die Fragen nach der Entstehung und der Entwicklung kann ich selbst heute noch nicht beantworten und nehme das, was sich über Jahre entwickelt hat, dankbar als unerklärliches und kostbares Geschenk.
Trotz des Gefühls von Dankbarkeit und relativer Sicherheit kommt es immer wieder zu Irritationen. Natürlich ist mir als denkendem Menschen bewusst, dass sich das Leben meiner Freunde nicht nur um mich dreht, sondern dass sie ihren ureigenen Lebensmittelpunkt nebst vielfältigen Verpflichtungen haben. Sie haben wiederum andere Freunde, eine Familie, einen kräftezehrenden Job, etcetera.
Vielleicht ist es meiner besonderen Lebenssituation geschuldet, dass ich diese Dinge manchmal nicht im Bewusstsein habe, denn schließlich habe ich all das nicht in meinem Leben und vermisse es hin und wieder schmerzlich. Möglicherweise schleicht sich in dieses Ungleichgewicht auch ein wenig Neid, wenn ich bei anderen Menschen zu sehen bekomme was mir fehlt und mir bewusst wird, dass ich diese Lücken nicht aus eigener Kraft zu füllen vermag.
Gleichzeitig schäme ich mich dafür, solch negative Gefühle zu entwickeln, denn meine Freunde sind schließlich weder für meine Lebenssituation, noch für meine persönlichen Defizite verantwortlich. Nein, sie sind eine Bereicherung für mein Leben und auch ich würde mir energisch jede Form der Einmischung oder Kritik in und an meiner Lebensführung- und gestaltung- oder an meinen Prioritäten- verbitten und mich sehr schnell gekränkt und bevormundet fühlen.
Für mich bleiben Freundschaften zeitlebens eine Herausforderung, der ich mich aber gerne und mit Empathie stelle.

Freitag, 17. Mai 2013

Kurzundgut

Ich komme zur Ruhe- atme tief
und versuche das Gedankenkarussel
zum Stehen zu bringen.
Kein Ausnahmezustand mehr
und der Alltag fordert seinen Tribut.

Das ist gut so, denn die Alltäglichkeiten
und selbtsauferlegten Pflichten,
sie lenken ab und schaffen
eine wohltuende Normalität.

Ich kann wieder lachen-
die Depression ist vorbei...

Montag, 13. Mai 2013

Es reimt...

Lebe im Schatten-
scheue das Licht
ertrage es nicht
und hasse die glatten
Wohlstandsvisagen.

Bin Dichter nur
und folge der Spur
der Inspiration-
Da ist sie schon!

Gebäude aus Sprache
möchte ich bauen
und lernen, vetrauen
und doch ist die Sache
hochkompliziert.

Auf der Suche schon lange
und mir wird Angst und Bange
den Zug zu verpassen...
Ich sollte das lassen.

Statt dessen nur Schreiben
die Ängste vertreiben-
In Arbeit gebunden
schon sind sie verschwunden.


Sonntag, 12. Mai 2013

Neue Impulse

Neues klopft an die Tür...
Nimmt Form an
und weckt meine Neugier.

Bin ich schon bereit
oder noch zu zögerlich
neue Wege zu suchen
und mit festem Tritt zu beschreiten?

Noch immer hält mich
das Geschehene mit festem Griff-
Loslassen heißt das Zauberwort
und sagt sich doch leichter
als es getan ist.

Das Frühjahr ist eine gute Zeit
mit Neuem zu beginnen-
Meine Sprache,
meinen Ausdruck suchen
und mit Konsequenz
Ideen verwirklichen.

Aber Neues macht mir Angst.
Bin ein Gewohnheitstier
und brauche lange
um die Chance neuer Wege
zu erkennen.

Klar, ich bin ein Psycho
und da ist das manchmal so.
Aber vielleicht sollte ich
es einfach versuchen...





Montag, 6. Mai 2013

Zu privat?

Ich bin ein
öffentlicher Mensch geworden-
gegen meine Gewohnheit
und gegen
mein Naturell.

Was geht es andere Menschen an,
was ich denke, empfinde, fühle?
Und was geht
die Anderen
mein Lebenslauf
mit all seinen
Verwicklungen an?


Eigentlich
bin ich
ein verschlossener Mensch-
introvertiert
unsicher
schüchtern-
ein großer Schweiger,
verschwiegen.

Aber ich bin eben auch
ein Suchender
der eigenen Wahrheit
und der Ehrlichkeit,
bin mir verpflichtet.

Ich ringe mit mir selber
um Identität
um Authentizität und darum,
mich selber anzuerkennen...
Das ist wichtig für mich,
mein Lebensinhalt.

Klare
und unmissverständliche Sprache
ist MEIN Medium.
Ohne Kompromisse
und mit aller Ehrlichkeit.
Und der Titel ist Programm:
Gedankenwelt eines Psychos!




Freitag, 3. Mai 2013

Freier Fall

Ich falle
stürze
taumle hin und her
kein Halt
kein Ziel
no future
bin abgenabelt
und doch
verbunden
mit
ich weiß es nicht
der Horizont
steht
auf dem Kopf
keine Orientierung
will mich
verkriechen
aber das
ist keine Lösung
denn Leben
die Realität
holen mich
immer wieder ein
stoße mich
an ihren Kanten
komme wieder
zu Bewusstsein
schreie laut
wie bei
der Geburt
und beginne
kontrolliert
zu atmen

Donnerstag, 2. Mai 2013

Momente

Ein älteres Gedicht von mir, neu überarbeitet:

Momente

Da sind Momente voller Glück-
so unverfälscht und rein,
dass du dir wünscht,
so sollt es immer sein.
Und weißt genau, dass sie nicht dauern
und Zeit, sie schreitet nie zurück.

Da sind so viele Augenblicke,
in denen du nicht anders kannst als Trauern
um die verlorne Zeit in deinem Leben
und um die Stücke
die du nie mehr zusammenfügen kannst.

Umgeben bist du von allzu hohen Mauern
die dich bedrängen und dich binden.
Und dich erfasst ein ungeheures Beben
im Innersten, wie nie gekannt.

Nimm deine Träume, deine Kräfte in die Hand-
Beginne jetzt zu leben!
Und deine Agonie, sie ist gebannt,
begleitet mahnend dich auf deinem Weg
und deinem Streben.

Mittwoch, 1. Mai 2013

Maigedanken

Heute endet die Gemütlichkeit beim abendlichen Kneipenbesuch und wir Raucher werden wieder ein Stückchen mehr entmündigt.
Nichtraucherschutz heißt die Devise und diesem Totschlagargument wird blindlings und ohne Rücksicht auf Verluste ein Großteil unserer Selbstbestimmung und persönlichen Freiheit geopfert. Vorbei sind die Zeiten, wo wir uns beim abendlichen Bier in der Kneipe genüsslich eine Kippe anzünden konnten- statt dessen werden wir kriminalisiert und ausgegrenzt-wie im Mittelalter die Aussätzigen.
Wirte und Kneipenbesitzer verlieren ihre Existenzgrundlage und werden von nochmehr lärmgenervten Nachbarn bedrängt, die sich von vor der Kneipe stehenden Rauchern in ihrer Nachtruhe gestört fühlen. Aber Hauptsache, die Politik hat gesiegt und der gesunde Menschenverstand, das gesunde Augenmaß haben kläglich verloren.
Auf einen schönen ersten Mai!

Montag, 29. April 2013

Klare Worte

In meinen Poemen bemühe ich mich
um klare Sprache
und um Verständlichkeit.
Mir ist es wichtig,
verstanden zu werden
und versuche garnicht erst
das zu Sagende
mit kryptischen Bildern
und fußangelförmigen Metaphern
zu verschleiern.

Man darf das naiv, zu einfach
und unkünstlerisch finden
denn jeder hat seinen
individuellen Kunstbegriff.

Mancher findet Gefallen daran,
Sprache zu verschlüsseln
und Unverständlichkeit, Verwirrung
zur Kunstform zu erheben.

Mir ist es wichtig,
mit Sprache das Verstehen zu fördern
und andere einzuladen,
meinen Gedanken und Empfindungen
zu folgen.

Das ist mein Anspruch,
geboren aus frühem Außenseitersein
und dem Gefühl, mich nur
in einer den Anderen
unbekannten Sprache auszudrücken.

Mein Verhältnis zu mir
ist heute ein anderes.
Aber noch immer möchte ich
nicht missverstanden werden.





"Marktkonforme Demokratie"

Unsere Bundeskanzlerin hat im Zusammenhang mit der europäischen Bankenrettung einen neuen Begriff geprägt: "Marktkonforme Demokratie".

Wenn ich mir diesen Begriff auf der Zunge zergehen lasse, wird mir angst und bange, denn dahinter verbergen sich ein ausgeprägter Zynismus gegenüber den Aufgaben und der verfassungsmäßigen Rolle des Parlaments und möglicherweise auch die Bereitschaft, bürgerliche Grund- und Freiheitsrechte auf dem Altar wirtschaftlicher Interessen zu opfern.

Bundeskanzler, Minister und Staatsbeamte legen bei ihrer Amtseinführung einen Eid auf das Grundgesetz ab und verpflichten sich bindend dem Wohl des Volkes und der Aufgabe, Schaden vom Volk abzuwehren. Darauf sollte man vertrauen können- gerade im Hinblick auf unsere Geschichte und die unseligen zwölf Jahre des "Dritten Reiches".

"Marktkonforme Demokratie"- das passt in eine Reihe mit den Äußerungen des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler, der einen Einsatz der Bundeswehr zur Sicherung von Handelswegen für möglich und wünschenswert hielt. Und es passt in eine Reihe mit den Ungerechtigkeiten in der Sozialpolitik und der geduldeten und stillschweigend geförderten Macht der Banken, die unbeirrt und mit blankem Zynismus am Rechtsstaat vorbei ihre Geschäfte machen.

Auch wenn Demokratie in ihrer aktuellen Form durchaus kritikwürdig ist und das Potential für viele Verbesserungen hat, ist sie trotz allem ein hohes Gut, das es zu verteidigen gilt und keine weitere stillschweigende Verwässerung oder Unterhöhlung zugunsten der Mächtigen verträgt. Ohnehin kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass je reicher und/oder mächtiger ein Mensch ist, sein Verständnis für Recht und Gerechtigkeit proportional dazu deutlich nachlässt.

Das alles ist sehr bedenklich und wir laufen Gefahr, stillschweigend aus einer Demokratie in eine Oligarchie "geführt" zu werden, in der Banken und Großindustrie bestimmen, was unserem Wohl dient und was nicht.
Merkels Begriffsschöpfung "Marktkonforme Demokratie" ist Versuch und Statement in Einem- quasi ein Testballon dafür, wie weit unsere Demokratie sich ungehindert verbiegen lässt. Machen wir ihr deutlich, dass die Grenze bereits überschritten ist!

Sonntag, 28. April 2013

Lebensabschnitt

Ein Lebensabschnitt ist zuende-
ein letzter Rundgang durch die menschenleere Wohnung...
Die Schritte hallen, es ist still.
Leise adieu gesagt und
die Tür ins Schloss gezogen.
Die Fahrt dorthin mit schwerem Herzen
und im Bewusstsein
es ist das letzte Mal.

Ein Lebensabschnitt ist zuende...
Es bleiben
ungeordnete Erinnerungen,
Bilder, Bruchstücke
der Schmerz des Verlustes.

Auf dem Friedhof
letzte
und hoffentlich würdige Worte
als Gruß
und vielleicht als Wegzehrung
für die Tote
von der nunmehr
nur ein kleines
Häufchen Asche bleibt.

Und wir bleiben
Elternlos zurück-
Müssen uns neu finden
das eigene Leben
neu ordnen.

Ein Lebensabschnitt ist zuende...
Ein neuer hat unmerklich
schon begonnen...

Donnerstag, 25. April 2013

Letzte Momente

Morgen ist der Tag...
Beerdigung
Beisetzung
Bestattung...
warum gibt es soviele
unterschiedliche Begriffe?

Viel schöner finde ich:
Sie wird zur letzten Ruhe gebettet...
Das hat so etwas friedliches und liebevolles
und beschreibt das würdevolle Ende
eines langen Lebens.

Wir Lebenden können aufatmen,
die Anspannung ist vorbei.
Und was bleibt,
ist der liebevolle Blick zurück,
Bewahrung der Erinnerung.

Dienstag, 23. April 2013

"Sie brauchen eine Tagesstruktur!"

 Vorsicht: Der nachfolgende Text kann Spuren von Satire und Sarkasmus enthalten!

Ich muss ziemlich sparsam gekuckt haben, als ich obigen Satz das erste Mal hörte. Natürlich brauchen wir Menschen ein Lebensgerüst, an dem wir uns entlanghangeln können- wir brauchen eine Aufgabe, oder sogar Aufgaben, damit wir uns nützlich fühlen und soetwas wie einen Sinn in unserem Leben finden. Das bedarf keiner langwierigen und künstlich aufgeblasenen Diskussion.
Für Therapeuten und Sozialarbeiter ist diese Diskussion um ein künstliches Konstrukt mit Namen "Tagesstruktur" aber quasi Lebensinhalt und Daseinsberechtigung in Einem- also etwas, um das sie ihr eigenes Berufsleben herumbauen können: Finde für deinen Klienten/Patienten eine Tagesstruktur, und du hast einen guten Job gemacht!
Dumm ist nur, wenn der Patient/Klient es wagt, eigene und von den sozialwissenschaftlich-psychotherapeutisch geprägten Vorstellungen abweichende, nicht ins gutmenschlich-abstrakte Lebensbild passende, Ideen entwickelt und dann sogar die Frechheit besitzt, diese auch vehement zu vertreten. Ein Weltbild bröselt in sich zusammen und aus sanft bestimmten, mit geschulter Therapeutenstimme vorgetragenen "Vorschlägen" werden unvermittelt latent drohende von einem gekränkten Ego vorgetragene versteckte Forderungen: Wenn Sie nicht... dann...! Wie kann Mensch es auch wagen, wissenschaftlich-statistische Wahrheiten als durch die persönliche Lebenserfahrung widerlegte Fehlkonstruktionen zu entlarven? Schließlich sind Therapeuten und Betreuer ja mit dem Nimbus der Unfehlbarkeit und unumstößlichen einzigen Wahrheit ausgestattet und lassen sich von Nichtigkeiten wie Lebenserfahrung und individuellen Wünschen nur ungerne ausbremsen. Und ehe man es sich versieht, ist man ein unbequemer, unkooperativer Rebell, steht mit dem Rücken zur Wand und wird inquisitorisch zur Rede gestellt.
Im Übrigen: Leben diese Gutmenschen eigentlich selber nach ihren unumstößlichen und für die seelische Gesundheit angeblich unverzichtbaren Gesetzen? Oder ist es vielmehr der Versuch, zwischen "Krank" und "Gesund" eine imaginäre Grenze zu ziehen und dabei den "Kranken" etwas aufzuzwingen, was sich schon längst für die eigene Lebensgestaltung als unpraktikabel erwiesen hat?
Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie einfach Ihren Arzt oder Betreuer!

Samstag, 20. April 2013

Wohnungsauflösung

Es ist so prosaisch:
Wie die Geier
wühlen sie in Schubladen-
öffnen Schränke und
schauen in alle Ecken, damit sie
auch ja nichts übersehen,
was mitzunehmen sich lohnt...

Möglichst Viel für möglichst wenig Geld-
so lautet die Devise,
was eigentlich auch in Ordnung ist,
wäre da nicht das Fehlen
jedes Schamgefühls und die Gier in den Augen...

Natürlich bin ich auch erleichtert und froh,
dass einige Dinge ein neues Zuhause bekommen,
anstatt sinnfrei dem Müll anheim zu fallen.
Aber der fehlende Respekt vor mir
und der Geschichte der Dinge-
der Drang, um jeden Euro erbittert zu feilschen
(Geiz ist Geil!)
das geht schon an die Substanz.


Aber schließlich ist es vollbracht
und das nächste Kapitel ist abgeschlossen.
Und es fällt jeden Tag
ein wenig leichter
Abschied zu nehmen.


Mittwoch, 17. April 2013

Begrifflichkeiten

Ich habe Angst vor den unausweichlichen Veränderungen...
Erlebe zum allerersten Mal das Gefühl des totalen Verlassenseins,
bewege mich wie durch dichten Nebel und muss mich
zu allem, was ansteht, mit Gewalt zwingen.
So viel zu Tun, so wenig Kraft...

Auch Aggression kann eine Form von Trauer sein,
ein sinnloses Aufbegehren gegen das Unausweichliche
und ungefilterte Wut gegenüber denen,
die sich ohne Vorwarnung davongeschlichen haben.

Natürlich sagt die Vernunft: Es war ihre Zeit
und sie waren alt und gebrechlich; hatten ihr Leben gelebt.
Aber was Mensch fühlt, kann die Vernunft nicht vorschreiben.

Bislang waren Begriffe wie Verlust oder Trauer
eher ein Abstraktum für mich, etwas,
das Anderen widerfährt
und mit dem ich mich nie auseinandersetzen musste.
Wenn ich darüber schreibe, dann finde ich
halbwegs passende Worte und Begrifflichkeiten-
soll ich darüber sprechen, dann fehlen die Worte,
oder fühlen sich falsch und formelhaft an- unzureichend.

Also ist Schweigen besser?








Dienstag, 16. April 2013

Bestandsaufnahme

Die letzten Wochen haben mich geschafft...
Ich bin am Ende meiner Kräfte,
bin dünnhäutig, reizbar, aufgewühlt.
Das ist nichts Ungewöhnliches, wird doch
mein Leben grade durchgewirbelt
und auf den Kopf gestellt.

Mit Mitte Vierzig sollte man
die Stürme des Lebens eigentlich
hinter sich gelassen haben
und angekommen sein-
reif und erwachsen und so.

Statt dessen Chaos in Kopf und Herz
und ich ballere wild durch die Gegend.
Ich glaube man nennt das friendly fire
und es tut mir genauso weh, wie denen die es trifft.
Dabei schafft es nicht mal Erleichterung und
lenkt auch nicht von meiner Trauer ab.

Mir wird gesagt, ich dürfe außer mir sein-
angesichts der Ereignisse.
Aber eigentlich möchte ich statt dessen
viel lieber in mir sein,
meine Gefühle kanalisieren,
etwas Sinnvolles aus ihnen machen.

Währenddessen versuche ich krampfhaft und vergebens
nach außen die Fassade aufrecht zu erhalten,
irgendwie zu funktionieren, mir keine Blöße zu geben
und keine Angriffsfläche zu bieten.
Das kostet wahnsinnig viel Kraft
und ist nicht wirklich hilfreich.

Es heißt, die Zeit heilt alle Wunden,
aber auch Narben können
ein Lebenlang schmerzen...



Montag, 15. April 2013

Nachdenken, Innehalten

Manches Zwischenmenschliche
bereitet mir Kopfzerbrechen...
Ich bin es nicht gewohnt, etwas einzufordern-
schon garnicht, wenn es um Nähe oder Mitgefühl geht...

Wie funktionieren Freundschaften, was macht sie aus?
Darüber habe ich noch nie wirklich nachgedacht und
bekomme das jetzt um die Ohren gehauen...

Menschliches Miteinander war schon immer
ein Buch mit sieben Siegeln für mich und hat
mich immer stark verunsichert.

Immer wenn über soziale Kompetenz
oder emotionale Intelligenz gesprochen wird
war ich bislang der Überzeugung,
bei beiden ganz gut abzuschneiden...
Habe immer versucht,
mich unauffällig einzufügen, anzupassen und
ja nicht aufzufallen.

Bin ich ein schlechter Freund?
Muss ich mich mit meinen
Wünschen
Bedürfnissen
Vorstellungen
unmissverständlich und klar
im Miteinander positionieren?

Bei anderen ist es immer einfach zu erkennen,
wenn sie Rat,
oder Trost,
oder ein offenes Ohr benötigen
denn sie nehmen sich das, was sie brauchen
und ich gebe das gern.

Ich habe das nie geschafft
und halte meine Bedürfnisse oft genug
für unwichtiger als die der Anderen.
Schließlich habe ich schon als Kind gelernt,
dass es egoistisch ist, Bedürfnisse zu haben
oder sie sogar zu äußern und bin
zum stillen Opportunisten erzogen worden...
Schönen Dank dafür!





Samstag, 13. April 2013

Grundsätzliches

Bei allem was ich schreibe
habe ich mich
der Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit verpflichtet,
auch auf die Gefahr hin,
anzuecken und zu konfrontieren.
Meine Texte, meine Poeme -
sie sind Momentaufnahmen-
sie spiegeln mein Selbstbild, meine Sicht der Dinge
ohne den Anspruch auf Abgeklärtheit oder Objektivität.

Ich bin kein objektiver Mensch,
bemühe mich aber
um Ausgewogenheit und
Verständnis für meine Mitmenschen.
Aber ich habe auch
nicht verhandelbare
ethische und moralische Grundsätze,
nach denen ich mich und mein Leben ausrichte:
Ich verachte Rassismus und Überheblichkeit,
meide Verlogenheit, Egozentrik und Engstirnigkeit.

Das mögen hohe Maßstäbe sein,
aber es sind MEINE Maßstäbe
und ich nehme mir das Recht,
diese auch bei Menschen
in meiner Umgebung anzusetzen.

Auch ich bin nicht perfekt,
habe meine Fehler, Schwächen und Marotten-
bin oft nicht leicht zu verstehen,
oder zu durchschauen.
Und durch dieses Wissen
werde ich mir nie anmaßen,
andere Menschen
vorschnell und rigoros zu verurteilen.

Gefühle sind immer subjektiv,
aber es gibt bei ihnen
kein "Falsch" oder "Richtig"-
sie sind, wie sie sind
und bedürfen keiner Bewertung.

Ich stelle Vieles in Frage,
weil dieses "Viele"
für mich nicht Selbstverständlich ist.
Aber vielleicht bringe ich
damit Andere zum Nachdenken.
Und das ist gut so!

Mittwoch, 10. April 2013

Zeit für einen Neubeginn

Zeit für einen Neubeginn-
Zwei Jahre Therapie sind zuende und 
ich ziehe ein sehr positives Resumee aus dieser Zeit...

Vieles hat sich verändert und wird sich verändern,
denn auch der Tod meiner Eltern ist ein Einschnitt,
dessen Folgen ich noch nicht zu sehen vermag.

Ich bemühe mich um einen positiven Blick
in eine Zukunft, die mein eigenes Älterwerden
zum Inhalt hat und viele Fragen über die Richtung
und neue Impulse und Schwerpunkte...

Ich habe mich verändert,
bin reifer geworden,
gelassener und vielleicht sogar
etwas erwachsener...
Bin nicht länger
der naive Kindskopf
der nur auf das Morgen blickt
und Luftschlösser baut,
die im nächsten Augenblick
in sich zusammenfallen.

Ich werde schreiben, dichten, denken
und die Zeit wird zeigen
ob ich damit Menschen
wirklich erreichen, berühren kann.

Ich werde bei mir sein,
mein Zentrum, mein Innerstes
suchen und finden.

Es ist Zeit für einen Neubeginn...

Sonntag, 7. April 2013

Ungleichgewicht

Ich wühle mich
durch einen Haufen Papiere
und darf jeden einzelnen Cent
den ich mein Eigen nenne
dem Staat offenbaren.
Schließlich bin ich ja
ein Bittsteller, der
staatliche Unterstützung benötigt.
Während ich das alles brav
und mit in der Tasche geballter Faust
erledige, dürfen Bankster und
unanständig reiche Menschen
fröhlich ihren finanziellen
Exzessen fröhnen und
ungehindert den Staat bescheißen.
Sie hinterziehen Steuern,
tricksen und betrügen
ohne den Hauch eines schlechten Gewissens
und werden vermutlich auch
des Nachts gut schlafen,
während ich armes Würstchen
mich hin und her wälze und
mir Sorgen darüber mache,
alles fristgerecht zu schaffen
und die bürokratisch aufgeblähten Fragen
korrekt zu beantworten...
Vermutlich hängen fehlende Moral
und Gewissen wohl doch
von der Größe
des Geldbeutels ab.

Donnerstag, 4. April 2013

Trauer-Arbeit

Endlich zur Ruhe kommen können
und den bürokratischen Irrsinn des Sterbens
hinter mir lassen...
Keine Anrufe, Anfragen bei Ämtern, Behörden mehr...
Möchte wieder bei mir ankommen,
abschalten, mein Zentrum wiederfinden.
Trauern kann nur, wer bei sich ist
und nicht abgelenkt von überflüssigen Widrigkeiten.
Ich möchte trauern,
Revue passieren lassen und mir
die Zeit nehmen können zu verarbeiten.
Ich möchte Zeit haben zu weinen,
wirklich Abschied zu nehmen
und nicht von Dokumentenfluten
zugeschissen werden...
Ich will mein Leben zurück und Zeit,
es neu zu ordnen
und neue Ziele zu finden...


Sonntag, 31. März 2013

Auseinandersetzung

Als mein Vater verstarb, war ich voller Trauer
aber ich konnte ihn gehen lassen-
da war nichts mehr, was zwischen uns stand-
wir waren uns gut.
Liebevoll konnte ich mich
von ihm verabschieden, sein Sterben begleiten.
Es war eine Art von trauriger Gelassenheit,
denn er hatte sein Leben gelebt
und war mit sich und der Welt im Reinen.
Noch immer habe ich ihn
in liebevollem Andenken
und betrachte sein Foto
mit einer gewissen melancholischen Leichtigkeit.
Der Tod meiner Mutter
hat mich aus der Bahn geworfen.
Ihr Sterben, ihr Leiden
waren Abbild unserer aufwühlenden
lebenslangen Beziehung zueinander,
die keinen Frieden
keinen wirklichen Ausgleich kannte.
Zuviel wurde nicht gesagt,
zuviel an Wesentlichem verschwiegen
und selbst am Totenbett
war die Distanz zu groß.
Da gab es keinen Frieden-
nur einen auf unbestimmte Zeit
geschlossenen Waffenstillstand-
vermischt mit Resignation
und verdrängter Enttäuschung.
Ich hätte mir in unserem Miteinander
mehr Souveränität,
mehr Vergebungswillen gewünscht.
Und so hart es klingen mag:
Wir waren nicht fertig miteinander!
Selbst hier nimmt sie
mehr Raum für sich ein
als ihr eigentlich zusteht und wohl deshalb
fällt mir der Abschied, das Gehenlassen
so unendlich schwer...

Samstag, 30. März 2013

End - Gültiges

Ist es ein Widerspruch,
wenn ich als Agnostiker und
Esoterik-Geschädigter darüber nachdenke,
ob es ein Leben nach dem Tod gibt?
Natürlich liegt das Thema zur Zeit auf der Hand
und ich spüre, dass diese Frage bei all der Trauer und Verwirrung
etwas Tröstliches und Beruhigendes für mich hat.
Niemand weiß, ob mit dem Tod alles endet,
ob wir uns buchstäblich in Nichts auflösen
und nur in der Erinnerung unserer Nächsten weiterleben.
Und vielleicht gibt es da ja doch
frei von jeglicher Ideologie
eine höhere Ordnung, einen tieferen Sinn
hinter allem Ende...
Ich habe keine Angst vor dem Tod
und hänge nicht verzweifelt an meinem Leben
und doch ertappe ich mich bei dem Wunsch,
es möge etwas Höheres geben,
das Sinn stiftet in all der Verworrenheit
und der Brutalität des plötzlichen Endes.
Ich möchte in Würde und selbstbestimmt altern
und im entscheidenden Moment
nicht der Willkür Anderer ausgesetzt sein.
Und wenn ich gehe, dann im Frieden mit mir
und den Menschen, die mir etwas bedeuten.
Da soll nichts sein, was mich zurückhält
und mich kämpfen lässt...
Darin können meine Eltern mir Vorbild sein.




Freitag, 29. März 2013

Ein halbes Leben

Ein halbes Leben- dreiundsechzig Jahre-
waren meine Eltern verheiratet.
Für meine Mutter war es Flucht
vor ihrem dominanten Vater-
für meinen Vater war es die große Liebe.
Diese Diskrepanz war immer
Reibungspunkt und Bruchstelle ihrer Ehe
und auch wir Kinder waren immer
Spielball dieser Situation.
Wie oft
haben wir uns gefragt
warum haben sie sich nie getrennt?
Und doch brauchten sie einander
auch wenn jeder
seiner eigenen Wege ging.
Mein Vater hat sich
im Alter aufgeopfert
und ihr bis zuletzt
und über seine Kräfte
zur Seite gestanden.
Sie hat es ihm nie gedankt-
war immer unzufrieden
hat genörgelt-auch über seinen
Tod hinaus.
Nun sind sie
wieder vereint und hoffentlich
können sie endlich
ihren Frieden miteinander machen.

Mittwoch, 27. März 2013

Auflösung

Das große Trara ist vorbei...
Heute betroffenes Händeschütteln und
gemurmelte Beileidsbekundigungen-
Nur mühsam verdeckte Rat- und Sprachlosigkeit...
Das rituelle Salbadern des Priesters-
inhaltsleere esoterisch verbrämte Nichtigkeiten...
Was bleibt, sind Trauer und Leere
und die Notwendigkeiten des Alltags.
Wir werden die Wohnung der Eltern auflösen
und all ihre über die Jahrzehnte gesammelten Besitztümer
in alle Winde verstreuen...
Das ist so pragmatisch und nüchtern
angesichts der Geschichte mancher Gegenstände
aus einer über sechzigjährigen Ehe.
Verscherbeln, verschenken und vielleicht
ein kleines Andenken für die eigene Wohnung
die dann in ein paar Jahrzehnten
wohl auch irgendwann entrümpelt wird
mit ihrer ganzen Geschichte und
dem Vergessen anheim fallen wird,
wie das Leben meiner Eltern...

Montag, 25. März 2013

Trauer

Innerhalb eines Dreivierteljahres
habe ich mich von meinen beiden Eltern
verabschieden müssen.
Das ist hart
und im Moment fühle ich mich
betäubt und aufgewühlt- unendlich traurig...
Der Tod beendet Beziehungen einfach so
und fragt nicht, ob eine Beziehung
in sich rund gewesen ist
oder ob vielleicht
noch mehr Zeit notwendig gewesen wäre
um die letzten Dinge miteinander zu klären.
Der Tod verändert Strukturen und Bindungen
und ich habe große Angst vor den Veränderungen,
fühle mich auf mich zurückgeworfen
und weiß nicht was kommt...
Trotz aller Differenzen und Missverständnisse
fehlen mir meine Eltern
und die unbewusste Sicherheit
der versteckte Halt in meinem Leben.
Wie durch einen Nebel
durchlebe ich die Tage und irgendwie
funktioniere ich...
Es gibt soviel zu bereuen
und doch ist alles unabänderlich.
Unaufhaltsam
verändert sich mein Leben
und kennt doch die Richtung noch nicht...

Sonntag, 24. März 2013

In Memoriam

Du und ich-
wir hatten es nie leicht miteinander.
Haben uns aneinander gerieben und hatten
jeder unsere eigene Wahrheit.
In deinem Leben
hast du es nie leicht gehabt-
hast immer nach dem gesucht
was du nicht haben konntest
und uns dein Scheitern zum Vorwurf gemacht.
Und doch stand ich gestern
mit Tränen an deinem Totenbett
und habe dich das allererste Mal
wohl so gesehen, wie du sein wolltest:
So friedlich und entspannt lagst du da,
keine Verbitterung mehr in deinem Gesicht
Und entgegen unserer Befürchtung
war dein Tod rasch und ohne großen Kampf.
Ich wünsche dir Frieden und gute Reise
wo immer du auch sein magst...

Samstag, 23. März 2013

Wartezeit...

Im Spannungsfeld zwischen dem Ungewissen
und der traurigen Gewissheit, dass es wohl bald
zuende gehen wird-
Nachts mit dem Telefon am Bett,
wartend auf DEN Anruf vom Krankenhaus-
Berichte von meinen Geschwistern:
Sie ist zunehmend verwirrt und
hat das Trinken eingestellt...
Die medikamentöse Therapie wird eingestellt
und auf palliative Behandlung reduziert...
Und ich sitze zwischen allen Stühlen,
bin traurig und zugleich erleichtert,
dass meine Vorahnung sich wohl bestätigt.
Es ist nur noch eine Frage der Zeit,
bis ihr Leiden ein Ende hat
und ich hoffe für sie,
dass es nicht mehr lange dauert,
denn es ist unwürdig diese Frau, meine Mutter
so zu sehen...
Ich wünsche ihr Frieden
und wünsche mir Frieden mit ihr,
denn Vieles bleibt ungesagt zwischen uns
und trotzdem habe ich sie lieb...

Montag, 18. März 2013

Zwischenstand

Heute
einfach mal zur Ruhe kommen-
abschalten und die Geschehnisse nicht weiter
mit meinen panischen Gedanken aufwühlen...
Ich komme schnell an meine Grenzen
und bin doch im Angesicht der Krise
schnell bereit, sie zu ignorieren
muss Gewehr bei Fuß stehen
muss da sein für den Fall...
Der Anblick mit all den Schläuchen,
die Beatmung, das Piepsen der Monitore
hat sich in meine Seele gebrannt
und ich sehe alles ständig vor mir
und die Ungewissheit nagt an mir.
Das Schlimmste ist,
zur Untätigkeit verdammt zu sein,
nichts tun zu können und in Gedanken
immer wieder den Fall der Fälle durchzugehen...
Abschalten? Leider fehlt mir dazu der passende Knopf...

Sonntag, 17. März 2013

Deja vu

Und wieder stehe ich übermüdet an einem Krankenbett
und atme diesen morbiden und mich krankmachenden Geruch-
sehe sich sorgende und mühende Ärzte und Pfleger
und meine sich vor Schmerzen windende,
gnädig immer wieder ihr Bewusstsein verlierende Mutter.
Und wieder ist da dieses dumme Gefühl,
das ich vor einigen Monaten bei meinem sterbenden Vater hatte...
Ich bin wieder im Notfallmodus,
unterdrücke die aufkommenden Ängste
bemühe mich um Sachlichkeit
frage nach Fakten, verstecke mich
hinter medizinisch-technischer Terminologie
und bin doch voller Sorge
und gleichzeitig läuft schon vor meinem inneren Auge
der gleiche beschissene Film wie im letzten Jahr...
Mir wird bewusst, dass es diesmal doch anders ist,
dass ich mich dort am falschen Platz fühle.
Hier ist keine friedvoll heitere Gelassenheit,
sondern ein sich aufbäumender, sich wehrender Mensch, der noch immer
das letzte Wort haben will
und selbst jetzt
ist die gegenseitige Sprachlosigkeit
das bestimmende Moment.
Und mein aufkommender Zynismus erschreckt mich,
denn ich weiß nicht, was ich mir wünsche...

Donnerstag, 14. März 2013

Ein langer Weg

Wenn ich mich mit meiner Biografie beschäftige, stellt sich immer wieder die Frage nach der Perspektive,
aus der ich mein Leben betrachte, oder betrachten möchte.
Ohnehin ist es schwierig, sich dem eigenen Leben in der Rückschau zu nähern, da man als handelndes Subjekt nicht imstande ist, die Geschehnisse, das eigene Handeln und die Reaktion anderer Menschen objektiv zu betrachten. Dabei ist Objektivität ein sehr wichtiges Kriterium, wenn es darum geht, das eigene Leben in einen sinnvollen Kontext zu stellen und den Ereignissen eine befriedigende Ordnung zu geben.
Für mich ist mein Leben nach wie vor eine lange Strecke voller Rätsel und merk-würdigen Entwicklungen- sowohl im Guten wie im Schlechten-die ich nur schwer einzuordnen vermag.
Sicherlich hat jedes Leben seine ungelösten Fragen und Merkwürdigkeiten und vielleicht ist es einfach eine Frage des eigenen Bewusstseins und der Reflektion, wie die einzelnen Geschehnisse und Fakten bewertet und eingeordnet werden. Bediene ich mich einfach einer linearen Einordnung und reihe Ereignis an Ereignis, oder suche ich nach dem berühmten roten Faden, um alles in einen sinnvollen und größeren Kontext zu stellen? Und wie bewerte und ordne ich das eigene Handeln und Erleben als Kind, als Jugendlicher und sogenannter Erwachsener?
Schon sehr lange beschäftige ich mich immer wieder mit diesen Fragen, nicht zuletzt um mich selber besser begreifen und um mir selber so etwas wie eine eigene Identität geben zu können.
Natürlich haben die Menschen, die mich lange kennen und denen ich Vertrauen entgegenbringe, einen bestimmten Eindruck von mir und meiner Persönlichkeit. Sie wissen, wie ich mit bestimmten Situationen umgehe, wie ich mich gebe und haben ihr persönliches Bild von mir. Aber dieses Bild spiegelt nur einen sehr kleinen Teil von meiner Persönlichkeit und ist auch abhängig davon, welche Einblicke in mein Leben, in mein Innenleben ich ihnen gewähre. Dabei spielt das persönliche Vertrauensverhältnis zueinander eine tragende Rolle. Je mehr Vertrauen mit der Zeit gewachsen ist, umso vollständiger und authentischer ist das, was ich von mir preisgebe.
Die eigene Wahrnehmung ist genauso abhängig von Vertrauen, aber nicht vom Vertrauen zu anderen Menschen, sondern zu mir selber. Und genau da wird es schwierig, denn Selbstvertrauen ist kein Selbstläufer, sondern entwickelt sich nur im Frieden mit mir selber. Alle Kämpfe müssen ausgekämpft und alle Schlachten um die eigenen Verfehlungen und "schwarzen Löcher" in der eigenen Biografie geschlagen sein. Wichtig dabei ist die Erkenntnis, dass Vergangenes nicht umzukehren ist und begangene Fehler nicht ungeschehen gemacht werden können. Ich habe Vieles zu bereuen, aber war für einen sehr langen Zeitraum auch ein Gefangener der eigenen Traumata und ungelösten Konflikte.
Ein kluger Mensch hat mir vor vielen Jahren einmal mit auf den Weg gegeben, ich sei schuldlos schuldig geworden. In dem Moment war das nur eine schwacher Trost, denn ich war viel zu sehr damit beschäftigt, das Entsetzen und die vollständige Ratlosigkeit über mein Tun zu verarbeiten. Erst jetzt habe ich die provokante Weisheit dieses Satzes begriffen: Es geht um einen liebevolleren und verzeihenden Umgang mit mir selber und meinem Lebensweg, der noch lange nicht zuende ist.





Dienstag, 12. März 2013

Erkenntnis

Mit Erstaunen nehme ich zur Kenntnis,
dass ich stolz sein soll auf mich.
Zwei Jahre oft anstrengende
und mir Grenzerfahrungen bescherende Therapie
neigen sich dem Ende zu und unmerklich
hat sich Vieles verändert.
Noch immer bin ich ein Suchender,
der sich unsicher an neue Erfahrungen herantastet
aber zumindest weiß ich jetzt,
wonach ich suche.
Noch immer sehe ich deutlich meine Schwächen,
sehe ich meine gestörte Entwicklung,
aber integriere sie in mein Leben
als Teil meiner Persönlichkeit,
als etwas, dass mich mit ausmacht.
Ich spüre das Wohlwollen,
ja sogar Respekt von anderen Menschen
und es ist angenehm warm und befriedigend
diese Wertschätzung zu erfahren und Andere
an meinen Erfahrungen teilhaben zu lassen.
Ich bin nicht länger ausgeliefert,
sondern ich bestimme den Grad von Einsamkeit
und ob die Angst mich dominiert.
Trotz allem bleibt es ein Rätsel,
wie Veränderung funktioniert
und ob sie von Dauer ist.

Samstag, 9. März 2013

Eine Art Resüme

Seit Tagen starre ich
den leeren Bildschirm an
und bin genauso leer wie er.
Zig Gedanken kreisen in meinem Kopf
und lassen sich nicht einfangen,
bilden ein wirres Muster
das ich nicht durchschaue.
In den letzten Monaten
habe ich sehr viel geschrieben-
mich ausgekotzt
und Vieles in Worte gegossen
was lange Unaussprechlich war.
Es war ein stetiger Prozess
der Aufarbeitung, des Ver-arbeitens,
des Schweigenbrechens nach Jahrzehnten.
Ich habe versucht,
gegen meine Ängste
und meine Unsicherheiten
meine Krankheit anzuschreiben-
Wirres in Worte zu fassen...
Und trotzdem holt mich Vieles
immer wieder ein und weigert sich,
mich loszulassen.
Immer wieder werde ich eingeholt
von Bindungs- und Verlustängsten.
Es genügt schon ein kleiner Hauch,
ein vager Gedanke
und innerlich zitternd sitze ich da,
unfähig, mich aufzuraffen.
Und DAS ärgert mich maßlos,
immer wieder in Hilf- und Ziellosigkeit
zurückgeworfen zu werden, Ohnmächtig zu sein.
Es gibt Menschen,
die bewundern meine Offenheit, meine Ehrlichkeit
und wissen nicht, wie hart erkämpft
und kräftezehrend das ist.
Ich weiß, dass ich mit Worten, mit Sprache
gut umgehen kann und natürlich
gibt mir das ein gewisses Maß an Zufriedenheit
und vielleicht sogar ein wenig Stolz.
Aber Sprache allein verändert nicht.
Und mit Worten lässt sich viel verschleiern,
gerade dann, wenn sie überlegen sind
und ein wohlvertrautes Werkzeug.
Manchmal lässt sich mit ihnen mehr verstecken
als das etwas preisgegeben wird.
Die Maske, die Fassade sind immer noch intakt
und schieben sich von mir oft unbemerkt
vor meinen inneren Abgrund aus bodenloser Angst.
Niemand soll merken,
wie einsam und unsicher ich in Wirklichkeit bin
und wie unsagbar schwer mir
das menschliche Miteinander fällt,
auch wenn ich es gleichzeitig schmerzlich vermisse
und mich eigentlich nach nichts mehr sehne.
Und je älter ich werde,
umso schwerer fällt es,
diesen Teufelskreis zu durchbrechen
und offensiv
mit all den alten Narben und Wunden umzugehen.
Aber noch bin ich nicht tot
und so ist da noch
ein kleiner Funken Hoffnung
der mich weitermachen lässt...