Dienstag, 27. August 2013

Naivität

Bin ich naiv,
wenn ich
den Sozialstaat beim Wort nehme
und fordere, dass die Bedürftigen,
Kranken und Schwachen
mit Würde, Augenmaß und
ohne Diskriminierung behandelt werden?

Bin ich naiv,
wenn ich
von der Politik statt
Arroganz und Weltfremdheit
gesunden Menschenverstand,
Gerechtigkeit, Ehrlichkeit
und klare Worte erwarte?

Bin ich naiv,
wenn ich
mir wünsche, auch als Einzelner
Gehör zu finden, anstatt
anonym und in der breiten Masse
der Nicht-Relevanten unterzugehen?

Wenn das so ist,
dann ist auch
Naivität ein Ehrentitel!


Dienstag, 20. August 2013

Gedanken zur Inklusionsdebatte

Update: Am 08.10. habe ich eine erste, positive Rückmeldung zu meiner Denkschrift erhalten. Die Behindertenbeauftragte der Stadt Dortmund und Geschäftsführerin des Behindertenpolitischen Netzwerkes Dortmund, Frau Vollmer hat mir eine Mail geschreiben, die ich hier im Wortlaut weitergebe:

"Guten Morgen, Herr Neuhoff, gestern hat sich der Vorstand des Behindertenpolitischen Netzwerks zum zweiten Mal mit Ihrer Denkschrift zum Stand der Inklusion psychisch kranker Menschen beschäftigt. Ihre Analyse der Lebenssituation älterer psychisch kranker Menschen wird dabei zum Teil geteilt, zum Teil aber auch anders gesehen. Der Vorstand des Behindertenpolitischen Netzwerks hat mich gebeten, Sie auf den laufenden Prozess zur Inklusion in Dortmund aufmerksam zu machen und Sie zu bitten, sich in diesen Prozess einzubringen. Der Rat der Stadt Dortmund wird in seiner Sitzung am 12.12. 13 voraussichtlich den Dialog mit den Dortmunderinnen und Dortmundern über die nächsten Schritte zu Inklusion in den Jahren 2014 bis 2020 über alle Lebensbereiche und für alle Bevölkerungsgruppen eröffnen. Daran beteiligt werden - wie auch von Ihnen vorgeschlagen - Sozial- und Wohlfahrtsverbände, Trägervereine des Betreuten Wohnens und andere ambulanter psycho-sozialer Dienste, Verantwortliche aus der Politik und Betroffene.

Mit freundlichen Grüßen Christiane Vollmer"


Update: Mit einem Begleitscheiben habe ich heute meine Denkschrift an insgesamt zehn wichtige Vertreter aus Politik, Verwaltung und psycho-sozialen Diensten gschickt. Bitte drückt mir die Daumen, dass damit eine Diskussion zu diesem kontroversen Thema angestoßen wird!

Hier ist der Brief im Wortlaut:



Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie alle sind auf die unterschiedlichste Weise mit dem Leben psychisch kranker Menschen befasst; sei es auf politischer und verwaltender Ebene, im ehrenamtlichen Engagement oder durch Ihre Tätigkeit in der psycho-sozialen Betreuung. Auch das Thema Inklusion auf Grundlage der UN-Behindertenrechtskonvention sollte Ihnen vertraut sein, ebenso wie die Tatsache, dass hier vieles im Argen liegt und dringend auf Beachtung und Umsetzung wartet.

Ich selber habe als Betroffener etwas zwanzig Jahre lang die Unzulänglichkeiten, Vorurteile und die fehlende Flexibilität von Psychiatrie und den aus meiner Sicht eher ausgrenzenden psycho-sozialen Hilfeeinrichtungen erlebt und vermisse nach wie vor eine offene und kreative Debatte über die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention gerade bei älteren psychisch Erkrankten.

Es fehlt offensichtlich in allen Bereichen an politischem Willen, Bereitschaft und an Ideen, sich dieses zugegebenermaßen komplexen Themas ernsthaft anzunehmen. Aus diesem Anlass habe ich mir die Zeit genommen, zu diesem Thema eine Denkschrift zu verfassen, mit dem Ziel, diese längst überfällige Debatte in Gang zu bringen und Sie alle aufzufordern, Ihre Erfahrung und Ihre Kompetenzen mit einzubringen.

Bitte nehmen Sie sich die Zeit, meine Denkschrift ernsthaft zu lesen und sich damit auseinander zu setzen. Nur so und im Dialog mit uns Betroffenen kann es Veränderung geben, die eine wirkliche und dringend erforderliche Integration psychisch kranker Menschen voranbringt.


Mit freundlichen Grüßen
 



Hier die aktualisierte und vollständige Version meiner Denkschrift:



Denkschrift zum gegenwärtigen Stand von Inklusion und Integration bei älteren psychisch kranken Menschen

 Seit 2008 hat die UN- Behindertenrechtskonvention in Deutschland Gesetzeskraft und steht damit auf einer Stufe mit dem Grundgesetz und der UN Menschenrechtskonvention. Ihre erklärten Ziele sind sowohl die vollständige und selbstverständliche Integration auch von psychisch behinderten Menschen in alle Bereiche des wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Miteinander der Gesellschaft, als auch die unmissverständliche Festschreibung des elementaren Grundrechts aller behinderter Menschen auf Inklusion und Integration in die Gesellschaft.

Die Bilanz nach nunmehr fünf Jahren fällt allerdings eher mager aus: So wichtig die Integration in Kindergärten und Schulen auch sein mag, so stellen die bisherige Fixierung auf ausschließlich dieses Klientel und die damit einhergehende weitgehende Exklusion älterer Menschen mit psychischer Behinderung eine gravierende und beschämende Ungerechtigkeit dar. Ein wichtiger Punkt ist hierbei auch das völlig unrealistische und unflexibele Beharren auf der vollen Arbeitsfähigkeit (Achtstundentag) der Behinderten als Grundvoraussetzung für eine staatliche Förderung, beziehungsweise eine geförderte Teilhabe am Arbeitsleben. Nicht jeder Mensch ist aufgrund seiner Behinderung vollumfänglich belastbar, aber trotzdem durchaus willens und motiviert, seinen Interessen und Fähigkeiten entsprechend am Arbeitsleben teilzunehmen und seinen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.

Jungen Menschen bis etwas Mitte Dreißig mit einer psychischen Erkrankung stehen eine ganze Reihe von Hilfsangeboten zur Verfügung, um ihnen trotz ihrer Einschränkungen einen möglichst optimalen Start ins Berufsleben, und damit eine vollständige Teilhabe am sozio-kulturellen Leben zu ermöglichen. Ein relativ engmaschiges Netz aus Beruflichen Trainingszentren, Berufsbildungs- und Förderungswerken in Trägerschaft von Rentenversicherung, Bundesagentur für Arbeit und anderen, karitativen Organisationen, steht zur Förderung bereit.

Ganz anders sieht es für erkrankte Menschen im mittleren Lebensalter aus und hier beginnt die zweifache Diskriminierung: Einerseits werden uns aufgrund unseres Alters Qualifizierungsmaßnahmen und Hilfen zur Teilhabe konsequent verweigert, obwohl wir mit beispielsweise Mitte Vierzig noch immer etliche produktive Jahre vor uns haben, und andererseits ist eine psychische Erkrankung noch immer Grund genug für eine generelle und vor allem unsachliche Skepsis gegenüber der Motivation, der Leistungsfähigkeit und den kognitiven Fähigkeiten der Erkrankten.

Leider ist es eine Tatsache, dass wir psychisch Kranken tagtäglich mit Ausgrenzung, Willkür und Diskriminierung- insbesondere durch Ämter und Behörden- aber auch in betreuenden Einrichtungen- konfrontiert sind und mit unserem Leiden und unserer krankheitsbedingten Einsamkeit häufig allein gelassen werden. Zwar gibt es in Deutschland zahlreiche psycho-soziale Betreuungs- und Hilfsangebote, wie Tagesstätten, Kontaktklubs, ambulant Betreutes Wohnen und Behindertenwerkstätten; allerdings greifen diese Angebote in vielen Fällen zu kurz und haben einen entscheidenden Makel: Sie stehen allein schon durch ihren therapeutischen Ansatz der Idee von vollständiger Integration, Inklusion und Teilhabe diametral gegenüber.

Zwar hat sich seit der Psychiatriereform in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts vieles zum Positiven gewandelt: Psychisch Kranke werden nicht mehr länger nur verwahrt, durch Medikamente ruhig gestellt und pauschal als Verrückt abgestempelt, sondern man hat erkannt, dass sich durch eine ambulante Versorgung und Betreuung die Häufigkeit der Aufenthalte in der Psychiatrie reduzieren lässt. Diese Grundidee ist vom Ansatz her sehr zu begrüßen, allerdings hat auch sie ihre eklatanten Schwächen: An die Stelle der oft jahrelangen Unterbringung in der Psychiatrie sind die „Verwahrung“ in ambulanten Betreuungseinrichtungen und das Betreute Wohnen getreten. Die Beschäftigung der Patienten/Klienten ist dabei weitgehend gleich geblieben: Das Nonplusultra ist nach wie vor eine aus Therapeutensicht „sinnvollen Tagesstruktur“ mit Ergotherapie, Förderung der Kreativität und Freizeitaktivitäten unter Gleichen mit ähnlicher Krankheits- und Therapiegeschichte, als dürftiger Ersatz für eine sinnstiftende, selbstbestimmte und erfüllende Tätigkeit im Berufsleben.

Der aus meiner Sicht und langjährigen Erfahrung als Betroffener resultierende  systemimmanente Fehler dieses Betreuungskonzeptes besteht darin, dass es der Erschaffung und dauerhaften Stärkung eines eigenen positiven Selbstbildes und dem selbstverständlich berechtigten Verlangen  nach Lebensnormalität und gesellschaftlicher Akzeptanz sehr abträglich ist, jeden Tag unter der therapeutischen Käseglocke einer „beschützenden Einrichtung“ mit anderen, in ihrer Eigenständigkeit und Lebensführung beeinträchtigten Menschen zu verbringen. Das häufig vollständige Fehlen gesunder und selbstbestimmter Lebensperspektiven, sowie der oft fehlende Kontakt zu „normalen“ und gesunden Menschen in der Arbeitswelt und das nicht Vorhandensein damit einhergehender Erfolgserlebnisse schwächen das eigene Selbstwertgefühl gravierend und stärken stattdessen den Blick auf das eigene Unvermögen und das im Leben Gescheitertsein.

Integration und Inklusion müssen von Politik und der Gesellschaft tatsächlich gewollt sein, damit es nicht bei wohlfeilen und publikumswirksamen Absichtserklärungen bleibt. Leider sind die bisherigen Versuche in Kindergärten und im schulischen Bereich wohl mehr der Medienwirksamkeit und blindem Aktionismus geschuldet, als dem wesentlich aufwendigeren, tatsächlichen und ernsthaften Bemühen, alle Betroffenen mit einzubeziehen und zielführende Projekte auf den Weg zu bringen.

Was fehlt, sind innovative und tragfähige Ideen, wie wir älteren psychisch behinderten Menschen tatsächlich in ein selbstbestimmtes und in die Gesellschaft voll integriertes Sozial- und Berufsleben begleitet werden können, gerade auch dann, wenn biografisch und krankheitsbedingt formale Qualifikationen und eine „normale“ Belastbarkeit für eine Berufstätigkeit fehlen. Die bereits erwähnten Insellösungen, wie Behindertenwerkstätten und andere „tagesstrukturierende Maßnahmen“ sind hierzu denkbar ungeeignet, widersprechen dem Tenor der Behindertenrechtskonvention und sind hiermit aus meiner Sicht im eigentlichen Sinn sogar gesetzeswidrig.

Es wäre wünschenswert, dass Sozial- und Wohlfahrtsverbände, Trägervereine des Betreuten Wohnens und andere ambulanter psycho-sozialer Dienste, Verantwortliche aus der Politik und Betroffene gemeinsam und auf Augenhöhe in ergebnisoffenem Austausch nach neuen und gangbaren Wegen zur vollständigen Inklusion suchen und die immens wichtige und bisher vernachlässigte Diskussion dieses Themas neu in Gang bringen.

Montag, 19. August 2013

Mehr Toleranz

Wir haben ein Problem mit dem "Anderssein".
Abweichende Hautfarbe, Sprache, Kultur und Behinderung- eben alles was von unseren über die Jahrhunderte gewachsenen Normen und Vorstellungen der "Normalität" abweicht, wird kritisch bis zynisch beäugt, bestenfalls bestaunt und kategorisch abgelehnt.
Die UN Menschenrechts- und Behindertenrechtskonvention sprechen eine klare und unmissverständliche Sprache: Die Ausgrenzung und Diskriminierung fremder und benachteiligter Menschen ist weder zeitgemäß noch berechtigt. Statt Ausgrenzung und Isolation der "Anderen" geht es um Integration und Inklusion (also Einbeziehung) aller Menschen in das politische, wirtschaftliche und sozio-kulturelle Miteinander.
Es bedarf nur geringer Vorstellungskraft um sich zu vergegenwärtigen, man selber wäre in der Position des Ausgegrenzten und Diskriminierten und würde insbesondere emotional das durchmachen, was sie tagtäglich erleben und erleiden müssen.
Insbesondere staatlich beaufsichtigten Institutionen wie Ämtern und Behörden kommt hier eine besondere Vorbildfunktion und Verantwortung zu, denn schließlich sind beide Konventionen von der gewählten Regierung unseres Landes unterschrieben und vom gewählten Parlament mehrheitlich ratifiziert, also in Kraft gesetzt worden. Es liegt also auch in staatlicher Hand, mit wieviel Engagement und politischem Willen diese Konventionen umgesetzt werden, und wieviel Beachtung sie in der Öffentlichkeit finden. Publikumswirksame Statements in die Kamera gesprochen, und medial begleitete Eröffnungen von integrativen Kindergärten oder Schulen reichen da längst nicht aus, um eine tiefenwirksame und andauernde Veränderung im Miteinander von unterschiedlichen und verschieden begabten Menschen zu erreichen. Ich glaube, ich habe da eine Aufgabe gefunden...

Samstag, 17. August 2013

Gegen die Wand

Habe mein Leben zu oft
gegen die Wand gefahren-
unzählige Chancen
ungenutzt verstreichen lassen...

Depressiv zu sein ist scheiße.
Ich darf das sagen, denn schließlich
verwehren Depressionen mir
seit über dreißig Jahren
ein wirklich freies Leben.

Sie ketten mich an Beschränkung
und begleiten hämisch grinsend
mein alltäglich gewordenes Scheitern.

Immer wieder stoßen sie mich
in den Abgrund dunkelster Momente
und zeigen mir im Spiegel der Vergangenheit
meine hässlichste Fratze des permanenten Versagens.

Scheitern als Lebensinhalt-
eine ständige Verneinung von Lebensmut
und das kräftezehrende Lauern
auf den nächsten Schlag mitten ins Gesicht...

Ich habe kein Problem damit, allein zu sein.
Denn schließlich kenne ich
von Anfang an nichts anderes und
die Gewohnheit der Selbstgespräche
hat schon längst ihren Schrecken verloren.

Und doch ist da
dieser kleine, flackernde Funke
schüchternen Lebensmutes,
der mich davon abhält,
mir die Knarre in den Mund zu stecken
und einfach abzudrücken...

Sonntag, 11. August 2013

Düsternis

In der eigenen Dunkelheit- Verelendung der Seele.
Kein Tageslicht, nur Düsternis und
felsbrockenschwere Relikte der Vergangenheit.
Erinnerungen überfluten unaufhaltsam das Reservoir des Positiven-
kein Platz mehr für das Gute.

Es ist scheißegal, wie man es nennt,
denn Depression ist nur ein fehlerhafter Name
für Unaussprechliches, Nichtbeschreibbares
und namenloses Grauen aus den eigenen Abgründen.

Das eigene Bild ist zum Zerrbild mutiert.
Keine Hoffnung auf Veränderung und
auch keine Kraft, ein Ende zu setzten.

"Das wird schon wieder" ist ein Totschlagargument
der Unwissenden, die ihre eigene Hölle nicht kennen
und sich trotzdem anmaßen, urteilen zu können.

Natürlich "wird es wieder"; aber weder gut noch schlecht,
sondern irgendwie, solange sich das Selbstbewusstsein
in die innere Emigration geflüchtet hat und sich nur manchmal
und von Jahrzehnten entmutigt, für einen kurzen Moment
schamhaft blicken lässt.

Was bleibt, ist der Moment, in dem sich
die Sprache wiederfindet und Worte sich formen lassen,
in der trügerischen Hoffnung,
sie könnten es leichter werden lassen...






Donnerstag, 1. August 2013

Blick in die Vergangenheit

Der Blick auf bestimmte Ereignisse in der eigenen Vergangenheit und ihre Einordnung oder Bewertung, sind sehr subjektiv und abhängig von dem Bild, das man von sich selber hat. Viele Menschen neigen dazu, die eigene Vergangenheit zu verklären und zu glorifizieren; insbesondere, wenn es sich um "Jugendsünden" wie Diebstahl, oder Alkohol- und Drogenexzesse handelt.

Im Rückblick werden solche Ereignisse oft verharmlosend zu Manifestationen der eigenen Rebellion gegen die Gesellschaft und das "Establishment" stilisiert und die Gefährlichkeit von Exzessen, die Amoralität von Diebstählen, werden bewusst heruntergespielt und verdrängt. Nie wieder in seinem Leben hat man sich so frei und unbeschwert gefühlt wie damals, als man sämtliche Wertmaßstäbe und ethischen Grundsätze mit spielerischer Leichtigkeit in Frage gestellt und außer Kraft gesetzt hat.

Meine eigene Biografie ist voll von derartigen Begebenheiten, bei denen andere Menschen durch mich ihrer zumindest seelischen Unversehrtheit beraubt worden sind und deren Leid für mich damals lediglich ein abstraktes Konstrukt war, mit dem ich mich nicht auseinandersetzten konnte und wollte. Viel zu sehr war ich mit dem Austesten meiner eigenen Grenzen und der Toleranz Anderer beschäftigt, als das ich soetwas wie Mitgefühl, oder gar Schuld und Scham hätte empfinden können. Damals ahnte ich noch nicht, dass meine fehlende Empathie und mein Bedürfnis, der Gesellschaft im Allgemeinen den Mittelfinger zu zeigen, irgendwann als seelische Erkrankung diagnostiziert werden würde, die ihren Ursprung in einer ziemlich traumatischen Kindheit und Jugend hat.

Viele Menschen sind nicht einmal ansatzweise in der Lage sich vorzustellen, was frühkindliche und in der Jugendzeit erlittene Traumata anzurichten vermögen und welche Sprengkraft sie im späteren Leben entwickeln können. Sie halten eine "schwere Kindheit" für vorgeschoben, um Gewaltexzesse und andere Straftaten zu verharmlosen oder gar zu entschuldigen. Dabei geht es- von einigen unrühmlichen Ausnahmen einmal abgesehen- weder um Verharmlosung noch um Entschuldigung, sondern darum, welch verheerenden Schaden traumatische Erlebnisse anrichten können, wenn sie nicht frühzeitig erkannt werden.

Im Rückblick erscheint mir vieles von dem was passiert ist, wie eine wütende und unkontrollierbare Naturgewalt, die ich nicht beherrschen konnte und der ich als Täter selber hilflos ausgeliefert war. Vielleicht macht mich diese Erkenntnis auch immun gegenüber dem nostalgisch verklärten Blick in die so oft postulierte "Sturm und Drang Zeit", in der alles erlaubt und ein Zeichen von berechtigter Rebellion war. Meine Vergangenheit sehe ich als mein persönliches Mahnmal dafür an, alles zu tun, um nie wieder in solche Ausnahmesituationen zu gelangen.