Mittwoch, 28. September 2016

Auf der Suche nach neuen Wegen

Nach meinem letzten und leider vergeblichen Versuch, noch einmal in der "normalen" Arbeitswelt Fuß zu fassen, ist es vielleicht Zeit für etwas Neues. Anstatt mich in meinen Entscheidungen und Überlegungen ausschließlich von Enttäuschung, Verletztheit und meinem angeknacksten Selbstbild leiten zu lassen, möchte ich mich auf das besinnen, was ich kann, mir große Freude bereitet und mich über Monate hinweg begleitet und mir Kraft, Sinnhaftigkeit und Substanz gegeben hat: das Schreiben. Aber offen gestanden habe ich zur Zeit keinen wirklichen Plan, wie es weitergehen soll. Denn vom Schreiben allein kann ich nicht leben. Und mich wieder einmal auf die Suche nach einem zu mir passenden Job zu begeben - verbunden mit einem ziemlich heftigen Gefühlsmischmasch aus Versagensängsten, (vielleicht unrealistischen) Hoffnungen und massiven Existenzängsten - scheint derzeit keine Option zu sein, denn noch sind das letzte Scheitern und das damit eng verknüpfte Gefühl, den Anforderungen eines "normalen Jobs" nicht mehr gewachsen zu sein, einfach viel zu gegenwärtig und zu stark.
Eines ist mir bei meinen letzten Tätigkeiten innerhalb der letzte zwei Jahre aber überaus deutlich geworden: Arbeit darf für mich nicht zum Selbstzweck werden! Und in dem Moment, wo ich von der Arbeit so sehr gefordert bin, dass selbst nach Feierabend und am Wochenende keine Kraft mehr übrig ist, um die Früchte der Arbeit (den Lohn) zu genießen, geschieht genau das: Ich arbeite um des Arbeitens willen, und, um mir meine Arbeitsfähigkeit und Zugehörigkeit zur "Welt da draußen" schon fast zwanghaft selber zu beweisen. Aber nicht, um meinem Leben mehr Qualität zu veleihen, und mich frei von inneren und äußeren Zwängen einzubringen.
Lebensqualität bemisst sich für mich danach, wie selbstbestimmt und nach meinen innersten Bedürfnissen und Stärken ich mein Leben gestalten kann - frei von Zwängen oder Anforderungen, die mich überfordern, oder sogar meine Erkrankung wieder sichtbar und spürbar werden lassen. Leider ist die Ausrichtung des eigenen Lebens nach diesen für mich so wichtigen Kriterien äußerst mies bezahlt, denn in diesem Fall bleiben mir nur meine kleine Rente und die Grundsicherung durch das Sozialamt. Das sichert meine blanke Existenz, aber Lebensfreude und Teilhabe am sozialen Leben sind in diesem Budget nicht vorgesehen.
Was also ist zu tun? Natürlich ist die Arbeit an neuen Projekten nicht ausschließlich davon abhängig, wieviel Geld ich im Monat zur Verfügung habe. Über die Jahre habe ich schließlich gelernt, mich einzuschränken und mit sehr wenig Geld auszukommen. Aber es ist eben nur ein Existieren, und manchmal auch ein Bangen, ob das Budget wirklich bis zum Monatsende reicht. Und das ist sowohl belastend, als auch nach meiner Überzeugung menschenunwürdig!
Vielleicht hat ja jemand von Euch eine wirklich zündende Idee, auf welche Weise ich meinen Lebensunterhalt bestreiten kann, wo ich meine Stärken, mein Können, meine Erfahrung einbringen kann, ohne mich dabei wieder zu verlieren und zu überfordern?

Dienstag, 27. September 2016

Enttäuschung

Ich könnte jetzt schreiben: ich bin wieder mal gescheitert. Könnte meinem Unvermögen, meiner Begrenztheit, oder dem Unverständnis meines Chefs die Schuld daran geben, dass ich den Anforderungen des Jobs nicht gewachsen war. Und im Moment tut es tatsächlich weh. Ich bin traurig, wütend (auf mich selber), schäme mich und würde mich am liebsten im tiefsten Loch verkriechen.
Feststellen müssen, den Anforderungen des Arbeitslebens nicht mehr gewachsen zu sein; vermittelt zu bekommen, dass einem zu erledigende Aufgaben nicht mehr zugetraut werden - nicht einmal im Rahmen eines Minijobs - keinen Stress mehr aushalten zu können, zu dünnhäutig zu sein - ist eine wirklich bittere Erkenntnis!
Und wieder kreisen die altbekannten Gedanken durch meinen Kopf: Ich hätte mich mehr anstrengen müssen, hätte mich in der letzten Woche nicht krankschreiben lassen dürfen, es einfach noch mehr versuchen müssen... Tatsächlich habe ich alles gegeben was ich hatte, um meinen Job gut zu machen, mich einzuarbeiten, mich einzugewöhnen. Es hat nur nicht gereicht. Und mir einzugestehen, dass die Arbeitswelt vermutlich nicht mehr meine Welt ist, dass ich einfach zu kaputt, zu wenig belastbar bin, fällt mir nicht leicht. Zu gerne hätte ich mir und "der Welt da draussen" das Gegenteil bewiesen. Zu gerne hätte ich die Bestätigung gehabt, dass ich zumindest im kleinen Rahmen noch arbeitsfähig bin. Aber ich bin es nicht, und wirklich begreifen kann ich es nicht. Jedenfalls nicht jetzt.
Aber ich weiß, dass ich für mich, für mein Wohlbefinden, eine Aufgabe brauche. Etwas, dass meinem Leben Sinn und Struktur und Zufriedenheit verleiht. Und wahrscheinlich wird es das Schreiben sein. Denn Ideen und erste Entwürfe gibt es genug. Und Zeit habe ich ja jetzt auch wieder reichlich, um mich ihnen zu widmen. Nur an Kraft fehlt es im Moment. Aber sie wird wiederkommen.





Sonntag, 11. September 2016

Abwägen

Dass mein neuer Job mich vor Herausforderungen stellen würde, war mir auf einer eher abstrakten Ebene von vornherein bewusst. Nicht bewusst war mir hingegen die Fülle von Neuem, mit dem ich mich tagtäglich auseinanderzusetzen habe, und die mich bisweilen an meine Grenzen bringt, sodass selbst meine Freizeit momentan durch den Job dominiert wird, und ich nicht abschalten kann.
Fehler zu machen gehört ebenfalls dazu, wenn man sich in neue Themen einarbeitet, aber peinlich wird es, wenn es eigentlich vermeidbare Fehler sind, für die man selber keine Erklärung hat, und die einen an der Eignung für die Tätigkeit grundlegend zweifeln lassen.
In den vergangenen Monaten habe ich mir wieder mehr Normalität gewünscht und die Chance, wieder arbeiten und ein wenig Geld verdienen zu können. Seit knapp einem Monat habe ich nun beides und merke, wie ungewohnt und schwierig beides ist. Täglich meldet sich mein altbekannter Fluchtreflex, und ich ringe mit mir um Aufgabe oder Weitermachen. Einfach aufzugeben und mich wieder in Altbekanntes zu flüchten, wäre der einfache und bequeme Weg. Und es wäre eine willkommene Bestätigung dafür, dem "Leben das draussen" nicht mehr gewachsen zu sein. Das ist momentan ungemein verlockend. Aber andererseits sind der Job und die mich dort erwartenden Aufgaben wirklich interessant und mehr, als ich mit meiner Erwerbsbiografie jemals erwarten konnte. Gleichzeitig bleibt es ein äußerst schmaler Grad zwischen positiver Herausforderung, die mich weiterbringen kann, und Selbstüberschätzung, die mich gegenüber meinen Einschränkungen blind zu machen droht, weil das Bestehen der Herausforderung zum nahezu einzigen Lebensinhalt werden könnte.
Vielleicht ist es tatsächlich "nur" eine Frage der allmählichen Gewöhnung an das Neue, für die ich mehr Zeit benötige als andere. Darauf setze ich in der Hoffnung, dass es sich für mich eben doch auszahlt, und mein Leben um neue Facetten und Erfahrungen bereichern möge, aus denen ich lernen kann und die mir dabei helfen, alte Verhaltensmuster zu überwinden und dauerhaft hinter mir zu lassen. Zumindest weiß ich, warum ich zur Zeit so erschöpft und müde bin: Es gibt einen nachvollziehbaren und konkreten Grund - ich arbeite!

Freitag, 2. September 2016

Grenzerfahrungen

Nachdem ich in den letzten Jahren vorwiegend damit befasst war, mich mit meiner Erkrankung auseinanderzusetzen, und ein sehr begrenztes, recht eintöniges Leben geführt habe - mit nur wenigen Kontakten zur Außenwelt - stehe ich jetzt vor einer großen, aber selbst gewählten Aufgabe: Das Gelernte im Alltag auf seine Tauglichkeit zu verifizieren und praktisch zu erproben.
Ich habe mich intensiv mit meinen Schwächen und Begrenzungen auseinandergesetzt, und auch damit, was wichtig ist, damit es mir gut geht. Denn meine Kräfte sind limitiert, und meine Belastbarkeit stößt oft an ihre Grenzen. Ich habe gelernt, damit zu leben und die Situation, so wie sie ist, zu akzeptieren. Diejenigen Menschen, die mit mir vertraut sind, können damit umgehen, und benötigen keinerlei Erklärungen und Rechtfertigungen von mir, wenn ich nicht so "funktioniere" wie es ein vermeintlich gesunder Mensch tut. Aber die Menschen, die ich jetzt neu kennenlerne - sei es privat, oder durch den Job - wissen das alles nicht, und bei ihnen kann ich Toleranz und Verständnis nicht stillschweigend voraussetzen. Also muss ich für mich herausfinden, in welchem Maß ich mich ihnen anvertraue, mich ihnen gegenüber öffne, oder in wie weit ich mich beherrschen lernen muss, um sie nicht zu überfordern. Für mich ist das ein sehr schmaler Grad, auf dem ich mich da bewege - ohne jeden Erfahrungswert.
Die Interaktion mit mir unbekannten Menschen war schon immer eine Herausforderung für mich - verbunden mit vielen Unsicherheiten und Ängsten. Früher konnte ich mich hinter Lügen und gut sitzende Masken verstecken, wenn es unbehaglich wurde. Heute möchte ich das nicht mehr - zu sehr hat es mir und anderen geschadet. Also geht es jetzt darum zu lernen, einerseits authentisch zu sein, aber andereseits meinen Einschränkungen und mir genügend Aufmerksamkeit zu widmen, um mich selber nicht zu überfordern, oder überfordert zu werden.
In gewisser Weise geht es dabei auch darum, mir ein etwas dickers Fell zuzulegen, damit ich im Alltag bestehen kann, und mich schwierige Situationen nicht komplett aus den Schuhen hauen. Das fordert mich zur Zeit sehr und erschöpft mich. Aber es ist auch eine große Chance, wieder am "normalen" Leben teilzuhaben - als ebenbürtiger und gleichberechtigter Mensch, der sich nicht nur durch seine Erkrankung, seine Schwächen und Einschränkungen definiert und definieren lässt. Das wird Zeit und Geduld brauchen - die nur ich mir zugestehen kann.