Freitag, 28. Oktober 2016

Glücksmomente

Manchmal überrasche ich mich selber: Wie kann es sein, dass ich trotz meiner eher depressiven Stimmung und momentaner, weitgehender gefühlter Handlungsunfähigkeit ein Empfinden für Glück habe?
Eigentlich bin ich es gewohnt, dass Depression und Glücksempfinden sich ziemlich kategorisch gegenseitig ausschließen, und, dass inmitten meiner trüben Gedanken kein Platz für das Empfinden von Schönem vorhanden ist. Und doch habe ich im Laufe dieser Woche einige wirklich schöne und nachhaltige Erlebnisse gehabt, denen es wider jedes Erwarten gelungen ist, den dicken Panzer aus Wehmut, Traurigkeit und Resignation zu durchdringen, und meine Seele zu erwärmen.
Es waren Freunde und Geschwister, denen diese Unmöglichkeit gelungen ist und es waren die Menschen aus meiner Therapiegruppe, denen ich mein Vertrauen geschenkt habe, und von ihnen mit Verständnis und Anteilnahme belohnt wurde. Und mit für mich wichtigen Erkenntnissen dazu, warum ich so bin, wie ich bin.
Ich glaube, dass bestimmte Entwicklungen zum Positiven hin unmerklich vonstatten gehen - so unmerklich, dass ich sie selber nur mit Verzögerung wahrnehmen kann,  und auch nur dann, wenn ich ganz genau hinsehe. Denn eigentlich bin ich viel zu sehr auf all das Schlimme fixiert und in meinen Erfahrungen ausgerichtet, das mir im Laufe meines Lebens widerfahren ist. So sehr, dass ich an Schönes und an Glücksmomente nicht einmal wirklich zu glauben vermag. Umso schöner ist es, am eigenen Leib zu spüren, dass es auch für mich schöne und bedeutsame Momente gibt, und ich sie wahrzunehmen und sogar zu genießen vermag.

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Therapie - Erlebnisse

Psychotherapie ist eine langwierige und kräftezehrende Angelegenheit. Und immer wieder gibt es - mal kürzere, mal längere - Phasen des scheinbaren Stillstandes, in denen ich eher gefühlte Rückschritte als greifbare, erlebbare Fortschritte erlebe. Das ist frustrierend, und ich beginne immer wieder am Sinn und am grundsätzlichen Erfolg der Therapie zu zweifeln.
Was für mich eine zusätzliche Erschwernis ist: Es ist eine Gruppentherapie. Und mich in einer Gruppe von Menschen wirklich zu öffnen, meine tiefsten Ängste und Unsicherheiten zu offenbaren - das fällt mir unheimlich schwer und kostet mich immer wieder viel Überwindung. Und manchmal habe ich den Eindruck, dass es mir meistens nur sehr unzureichend gelingt. Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich (zu) große Angst vor den Reaktionen der anderen Gruppenmitglieder verspüre, wenn ich etwas von mir preisgebe und, dass ich meine Anliegen nicht wirklich vermitteln kann. Das hemmt und verleitet mich immer wieder dazu, nur wenig und eher Allgemeines zu äußern - auch aus Furcht davor, verletzt und zurückgewiesen zu werden und statt Verständnis und Anteilnahme zu erfahren, wie früher auf Ignoranz, Unverständnis oder Gleichgültigkeit zu stoßen. Und ich fürchte mich davor, für das, was ich denke und fühle, kritisiert zu werden, weil ich meine Gedanken und Gefühle zeitweise als schräg und unangemessen empfinde, und fest davon überzeugt bin, den anderen müsse es damit genauso ergehen.
All diese Hemnisse machen für mich nachhaltige und vor allem spür- und erlebbare Erfolge sehr selten, dafür aber umso kostbarer. Unmissverständlich zu spüren, dass endlich "ein Knoten platzt", ich mich wirklich öffnen und anvertrauen kann, und Anteilnahme, Mitgefühl erfahre, und der innere Druck einfach zu groß geworden ist, um ihn zu ignorieren - ist ein immens befreiendes und anhaltendes Gefühl. Und genauso kostbar ist es, wieder eine Erkenntnis gewonnen zu haben und Zusammenhänge entdeckt zu haben, die mir vorher nicht bewusst waren. Aber ich weiß auch: Es ist noch ein weiter Weg.

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Freundschaften

Es ist toll, gute Freunde zu haben. Das gilt ganz besonders, wenn es einem nicht gut geht, und man das Gefühl hat, nichts wert zu sein und sich dafür zutiefst schämt, als Mensch nur unzureichend zu funktionieren.
Freunden ist das offensichtlich egal. Sie sehen einen in einem völlig anderen Licht - sehen nur die guten Seiten, die man selber völlig verdrängt hat, und die man selber in der Depression nicht zu sehen vermag, und die gegenüber all dem Schlechten nur unwesentlich und unbedeutend erscheinen.
Aber selbst in der tiefsten Depression dringt die menschliche Wärme, die Anteilnahme tröstend durch die dicke Schicht aus Selbsthass und die Ignoranz alles Guten. Und man spürt, dass es allen Widrigkeiten zum Trotz doch Menschen gibt, für die nur zählt, dass sie einen aufrichtig und ohne Vorbedingung mögen und schätzen. Das ist unfassbar beglückend, und trotz der Tatsache, dass es nicht die erste derartige Erfahrung ist, jedes Mal erstaunlich. Und es hilft mir jedes Mal dabei, die Dunkelheit Stück für Stück hinter mir zu lassen, neuen Mut zu fassen, um mich meinem Leben wieder zu stellen und nach Vorne zu schauen. DANKE!

Sonntag, 23. Oktober 2016

Schmerzhafte Erkenntnisse

Früher hat mich meine Krankheit immer wieder für längere Zeit gänzlich verstummen lassen. Ich hatte einfach keine Worte mehr für das, was in mir vorging - verbunden mit dem Gefühl, mich ohnehin nicht verständlich machen zu können, und dass Sprache nicht ausreicht, um die Vorgänge in meinem Innersten zu beschreiben. Es war und ist immer eine unheilvolle Mischung aus Resignation, dem Empfinden von abgrundtiefer Einsamkeit und der fatalen Gewissheit, ohnehin kein Gehör zu finden.
Dabei ist mir durchaus bewusst, dass diese üble Melange nur in meinem Kopf existiert und sich aus sich selber ernährt. Trotzdem erscheint sie mir äußerst real, und findet ihre scheinbare Bestätigung durch meine reflexhafte Ablehnung von Zuwendung und Anteilnahme. Allerdings ist diese Ablehnung gleichzeitig auch ein Schutzmechanismus, der mich vor Vorwürfen, Verharmlosung und weiteren Verletzungen bewahrt. Denn nicht jeder Mensch geht verständnisvoll mit mir um, sondern ich habe in meinem Leben ganz real immer wieder Unverständnis, Ablehnung und Ignoranz erfahren müssen. Und diese Erfahrungen sitzen tief. Sehr tief.
Meine Erkrankung hat mich zu einem äußerst empfindsamen, verletzlichen und ängstlichen Menschen werden lassen, dessen Vertrauen zu anderen Menschen nur sehr rudimentär und in untrennbarer Abhängigkeit von der eigenen Verfassung vorhanden ist. Das macht den Umgang mit mir leider äußerst schwierig und unberechenbar. Und es ist eine Ironie des Schicksals, dass ich zwar mit den Eigenheiten anderer Menschen gut umzugehen vermag - mit Verständnis und Toleranz gegenüber ihren Schwächen und Macken, aber mir selber gegenüber sehr unnachgiebig und streng bin. Meine eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten stören, verunsichern und frustrieren mich, und ich möchte sie meiner Umgebung weder zeigen noch zumuten - auch aus Angst, fallengelassen und zurückgewiesen zu werden.
Ich verstehe mich selber nicht, bin mir ein Rätsel. Und das, obwohl ich mich sehr intensiv mit den Ursachen und Auswirkungen meiner Erkrankung beschäftigt und auseinandergesetzt habe. Auf einer eher abstrakten Ebene erscheint mir alles schlüssig zu sein - aber es erreicht und berührt mich eben nicht wirklich. Es ist zwar ein untrennbarer Teil von mir, meiner Entwicklung, aber eben auch irgendwie nicht - wie ein Puzzle, dessen Bild ich zwar verschwommen vor mir sehe, es aber nicht zusammensetzen kann, weil wichtige Teile nicht zu finden sind, oder nicht hineinzupassen scheinen. Und das alles lässt mich verzweifeln und macht mich sehr traurig - nicht abstrakt, sondern sehr konkret. Und es trennt mich von mir selber und von anderen Menschen - macht mich zu Außenseiter gegen meinen Willen.
Wie gerne wäre ich Teil einer Gemeinschaft - eingebunden in etwas Sinnvolles, das mich trägt und mich meine seelischen Qualen vergessen lässt. Ich möchte endlich Frieden mit mir und meinem chaotischen Leben schließen können und: einfach leben!






Donnerstag, 20. Oktober 2016

Gruß aus der Depression

Inmitten einer depressiven Phase zu schreiben, mich überhaupt mitzuteilen, kosten mich immens viel Kraft und Überwindung. Auch wenn ich durchaus das Bedürfnis habe, zu reden, oder zu schreiben: Jeder Gedanke, jeder Satz erscheint mir so, als sei er schon tausende Male gesagt oder geschrieben worden und bis zum Erbrechen abgenutzt. Das, und meine große Verletzlichkeit machen es mir sehr schwer, in der Depression mit meiner Umgebung überhaupt in Kontakt zu treten - auch aus Angst, nicht verstanden und nicht ernst genommen zu werden.
Und was soll ich schreiben? Dass es mir beschissen geht? Oder, dass ich mich komplett nutz - und wertlos fühle? Zu nichts zu gebrauchen und ängstlich und extrem verletzlich?
Tatsache ist, dass mir zur Zeit mein Lebenssinn vollständig abhanden gekommen ist und, dass mein Alltag auf die zum reinen Überleben notwendigen Rituale wie schlafen, essen und kacken reduziert ist. Und Fernsehen, um nicht zu sehr ins Grübeln zu kommen. Das alles denkt, und vor allem schreibt sich nicht gerade gerne. Denn trotz Depression kämpfe ich um Inhalte, um eine sinnvolle Lebensstruktur und um meinen Anspruch an mich selber. Und mir eingestehen zu müssen, dass für mehr als die bloße Existenz zur Zeit meine Kraft nicht reicht - dafür schäme ich mich jedes Mal. Und ich rechtfertige mich vor mir selber in einem ständig wiederkehrenden, ermüdenden und altbekannten Ritual - wenig kreativ und kräftezehrend dazu.
Das alles macht keinen Spaß und erscheint mir eigentlich auch nicht besonders mitteilenswert. Und trotzdem teile ich mich gerade mit - um nicht vollens zu verstummen und den dünnen Faden zwischen mir und der Welt nicht endgültig reißen zu lassen. Und vielleicht gibt es ja da draußen jemanden, der mit diesem depressiven Geschreibsel etwas anzufangen vermag...


Samstag, 8. Oktober 2016

Wunsch und Wirklichkeit

Für mich gibt es kaum etwas schwierigeres, als mich von Träumen und Wünschen verabschieden zu müssen, und mich damit abzufinden, tatsächlich meinen Einschränkungen unterworfen zu sein. Für einen kurzen Zeitraum habe ich geglaubt, fast alles schaffen zu können, was ich mir vornehme, und dass meine Erkrankung in ihren unmittelbaren Auswirkungen tatsächlich mit sich handeln lassen würde.
Betont optimistisch habe ich in den letzten Monaten immer wieder versucht, Schwierigkeiten im Job, oder im Zwischenmenschlichen kleinzureden - sie als möglichst "normal" zu beschreiben - um ihnen ihre innewohnende Bedrohlichkeit zu nehmen. So etwas nennt man "Pfeifen im Wald". Und mich dabei ertappt zu haben, und jetzt mit den Konsequenzen konfrontiert zu sein, tut nicht nur unendlich weh, sondern ist auch in den Auswirkungen auf mein weiteres Leben überhaupt nicht abzusehen.
Ich habe starke Zukunftsangst! Denn einfach so weiter zu machen wie bisher, als sei nichts geschehen, wird nicht funktionieren. Dafür sitzen Angst und Enttäuschung, und die bittere Gewissheit, "normalen" Anforderungen nicht mehr gewachsen zu sein, viel zu tief.
In meinem Kopf formieren sich flüchtige Pläne, und zerplatzen wieder an der Realität, in der ich momentan nicht einmal meinen Alltag auf die Reihe bekomme. Statt dessen befinde ich mich in einer veritablen Depression, bin verunsichert, aggressiv, kritikunfähig und unendlich müde. Und ich bin es einfach leid, immer wieder die gleichen abgedroschenen Vorschläge zu hören, die mir schon vor Jahren Magenschmerzen bereitet haben, und die auch - im Gegensatz zu altem Wein - mit zunehmendem Alter eben nicht besser werden, und auch durch Wiederholung nicht an Qualität und Passgenauigkeit gewinnen.
Ich muss feststellen, dass ich auf mich zurückgeworfen bin und, dass Mitgefühl und Anteilnahme zwar durchaus wohltuend sind, aber an meiner Situation nichts ändern und meine Begrenztheit, meine gefühlten Unfähigkeiten eher noch untermauern -  und wenn überhaupt - nur sehr geringfügig abmildern.
So viel für heute.