Mittwoch, 2. August 2017

Von den zwei weißen Raben

Durch eine wirklich einzigartige und vollständig neue Begegnung berührt und inspiriert, habe ich eine kleine Geschichte geschrieben, die ich euch nicht vorenthalten möchte:

"Es war einmal ein alter weißer Rabe, dessen Gefieder inzwischen eher grau als weiß war. Er lebte ganz allein auf einem hohen knorrigen Baum in einer Einöde, weil die anderen, schwarzen Raben, ihn zu oft schon mit ihren scharfen Schnäbeln und Krallen verletzt hatten, weil er so anders war.
Es hatte Zeiten gegeben, in denen er vor lauter Trauer und Einsamkeit das Fliegen verlernt hatte und sich nur ungeschickt auf dem Boden hüpfend fortzubewegen vermochte - sehr zum Gespött der anderen, die sich, wenn sie ihn sahen, jedes Mal laut und hämisch über ihn lustig machten.
Er war nicht immer allein gewesen. Immer mal wieder hatte er ein Rabenweibchen in sein Nest eingeladen, aber ihre Gefiederfarben wollten nie so recht zueinander passen. Selbst wenn das Gefieder des Weibchens eine deutlich hellere Färbung hatte als die der meisten anderen Raben, oder bisweilen sogar gescheckt war – er hatte sich nie einzureden vermocht, dass es weiß sei. Und so waren die Weibchen mit der Zeit weggeblieben.
Eines Tages hatte er dann entdeckt, dass er doch wieder zu Fliegen vermochte und hatte sich, seinen ganzen Mut zusammennehmend, aufgeschwungen - ganz hoch in die Lüfte, um ein letztes Mal nach einem dieser seltenen weißen Rabenweibchen Ausschau zu halten, von denen er schon ein paar  Mal hatte Raunen hören. Er flog und flog und wollte schon enttäuscht und erschöpft aufgeben, da sah er in weiter Ferne etwas Weißes aufblitzen, das ihm in seiner Form und Kontur seltsam vertraut vorkam.
Das weiße Rabenweibchen war bitterlich enttäuscht. Schon wieder hatte sie ein Männchen aus dem Nest werfen müssen, weil es versucht hatte, ihr Gefieder Stück um Stück schwarz einzufärben, damit es sich nicht zu sehr von dem der anderen Weibchen unterschied. Sie hatte es so satt, anders sein zu müssen, als sie es selber wollte.
Aber auch sie hatte von anderen weißen Raben gehört, die es irgendwo geben musste. Und so entschloss sie sich, ein letztes Mal auf die Suche zu gehen. Zufällig flog sie aus der genau entgegengesetzten Richtung auf die Stelle zu, an der der alte weiße Rabe sich gerade befand und Rast halten wollte. Und auch sie sah aus der Ferne eine seltsam vertraute Farbe und vertraute Kontur und beschloss, dorthin zu fliegen.
Eine ganze Weile flatterten sie neugierig und gleichermaßen verunsichert um einander herum – beäugten sich fasziniert und doch voller Misstrauen, denn sie beide konnten nicht glauben, was ihre doch so scharfen Augen wahrnahmen. Schließlich ließen sie sich zögernd nebeneinander nieder und der alte Rabe legte ganz vorsichtig einen seiner warmen Flügel um sie. Das Weibchen zuckte erschreckt und gleichzeitig doch voller Sehnsucht zusammen und rückte ein kleines Stück zur Seite – blieb aber sitzen. Der alte Rabe ließ sie gewähren und übte sich in Geduld. Er konnte sie so gut verstehen, als sie ihm zunächst zögernd und dann immer mutiger von ihren Erfahrungen berichtete. Denn es waren auch seine Erfahrungen. Und unversehens rückten sie aufeinander zu und legten voller Vertrauen und Wohlgefühl ihre Flügel umeinander. Und so blieb es, auch wenn das Weibchen zwischendurch schmerzhaft am Gefieder des Rabenmännchens picken musste um sich zu vergewissern, dass es tatsächlich durch und durch weiß war und nicht nur gefärbt, um sie zu täuschen.
Und so leben und fliegen die zwei weißen Raben noch immer miteinander, zeigen sich gegenseitig liebevoll den Weg, umsorgen einander und jeden Abend legen sie ihre warmen Flügel umeinander bis ans Ende ihrer Tage."


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